Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1842)
- Date
- 1842-12-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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210 durch eine Standrede des vr. Saldmon und ein Gebet des 0r. Frankfurter verherrlicht. Möge das Gebäude bald in seiner Vollendung dastchen, und nie aufhören »der concrete Mittelpunkt des veredelten gottesdienstlichen Lebens in Israel" zu sein! — Aus einer Predigt von Mannheimer in Wien. *) Ich habe Euch selber gar oft sagen hören, und ich preise, rühme, segne Euch darob: »Ter und der hat Verstand, der hat Geist, der hat Witz, der hat Talent; — aber Schade, er hat kein Herz;" und habe Euch wieder sagen hören: »der hat Geist und hat Gemüth, hat Poesie, — aber keinen Glauben!" Es ist das ein Gottcsspruch, den Ihr da gesprochen! Wisset Ihr aber, was noch ärger ist als kein Herz? Ein verderbtes Herz! Als einst die Weisen in Israel die Frage in Erörterung und Untersuchung zogen, was wohl das höchste Kleinod sei im Leben, daran sich der Mensch zu halten habe? £2X12 12 p22*2'5 da meinte der Eine: ein gutes Auge, ^212 py, ein freundlich heller Blick ins Leben; der Andere und der Tritte meinte: 212 pit' , 212 12" , eine freundlich heitere Umgebung; ein Vierter erklärte sich für einen verständigen Blick in die Zeit, *12111"! DK nXIT, der das Werdende im Werden und Entstehen sieht; da meinte denn der Letzte, das wäre alles gut und löblich, aber Eines wäre besser — 212 2^ ein gutes frommes Herz! Und der Lehrer und Meister, der das mit angrhört, meinte, es wäre recht so, denn in dem Einen wäre alles Andere enthalten. Und als sie nun wieder fragten, welches das Schlechteste fei, das der Mensch mehr als Alles und Jegliches zu meiden und von sich ab und fern zu halten habe? Da sagte der Eine, ein neidisch Aug, ein böser Blick; der Andere, eine schlechte, böswillige, lieblose und leichtfertige Umgebung; der Tritte meinte: der Undank, der wäre das Schlechteste, vpj<1 J2lPn» wer borgt und nicht zahlt, ob er nun Gott oder Menschen den Tank und die Zahlung schuldig bleibe. Endlich schnitt der Letzte die weitere Erörterung ab, und sprach: ein schlechtes Herz; das ist das Schlechteste in der ganzen, großen, weiten Gotteswelt. Und der Lehrer stimmte chm bei, denn darin sei jegliches Verderbniß mit einbegriffen, L2'222 7222 bbjZSf- Und wie meint Ihr nun, daß solch ein böses und verderbtes Menschenherz, — denn vom Anfang und vom Ursprung an haben alle die gleiche Richtung und Empfindung, — daß solch ein böses Menschenherz sich finde und gestalte? Wo der Verstand sich von allen göt.lichen, gläubigen Gedanken hat los gemacht, und mit einer gewissen Selbstgefälligkeit über das Leben und seine Höhen und Tiefen schwebet; wo er dem Nützlichen und Praktischen statt dem Seelcnerhebenden sich hat zugewendet, und keines der Beachtung werth findet, das er nicht für den alltäglichen Gebrauch *) Mitgrthcilt in dem bei F. v. Schmidt herausgekommencn Kalender und Jahrbuch für Israeliten auf das Jahr 5603. und Nutzen, für die alltägliche Lust und Liebe weiß zu verwenden; — da ist auch das Herz verderbt und verschlechtert, in seinen seligsten Hoffnungen und Erinnerungen verarmt und des eigentlichen und wahrhaften Lebensschatzes verlustig worden. ^kurze Anzeigen und Kritiken. Geiger, A. Rabbinisches Gutachten über die Militärpflicht!?, keit der Juden. (Breslau 1842, bei Leuckart. Preis 5 Sgr.) Der Verfasser weist in diesem Gutachten auö rabbinischen Quellen nach, daß die Uebernahme der Militärpflichtigkeit nicht bloß kein Hinderniß in dem rabbinischen Judenthum finde, sondern die höchste religiöse Pflicht sei; eS daher auch dem heutigen Staat nicht als eine Schonung der Gewissen angerechnet werden könne, wenn er die Juden vom Militärdienst befreie. Die Freiheit und Selbstständigkeit, mit welcher hier die rabbinischen Satzungen behandelt werden, machen dieses Schriftchen auch formell interessant; denn sicht man auf die höchst engherzige und wortgläubige Weise, mit welcher der spätere NabbinismuS bei Entscheidung ritueller Fragen zu Werke geht, wie er nirgends nach Gründen (ratio legte) fragt, keine Analogien berücksichtigt und keine Ahnung von der völligen Veränderung der Verhältnisse, unter welchen eine Satzung in'S Leben trat, hat, so muß man leider! wie ein großer Denker, in anderer Beziehung, auSrufen: »Der NabbinismuS hat das Bewußtsein von sich selbst verloren!" Die angesehensten Gesetzeslehrer der Vorzeit (£'112^2 und C*n22N) sind in ihren Entscheidungen nicht so verfahren, sondern haben solche mit voller Selbstständigkeit und der anfrichtigsten Erwägung der Verhältnisse gegeben. Wir werden später noch ausführlich auf dieses wichtige Thema der casuistisch - rabbinischeu Thätigkeit zurückkommcn. Einweihungsrede der West-London-Synagoge, gehalten von Di\ W. Marks. Treue Übersetzung aus dem englischen Original. (Hamburg 1842, bei B. S. Berendsohn.) Alle unsere Leser, welche mit Interesse der so hochwichtigen Errichtung der Londoner West-Synagoge gefolgt sind, werden mit gleichem diese Einweihungsrede lesen. Zwar kann sie kaum einen Anspruch auf gottesdienstliche Beredsamkeit machen, aber sic ist darum, nicht minder interessant durch die Freimüthigkeit, mit welcher der angestettte Geistliche die Grundsätze jener Synagoge — auf welcher die Augen aller erleuchteten englischen Israeliten ruhen — verkündet. »Wir wissen," sagt der Redner u. A. von den talmudischcn Schriften, »daß diese Bücher menschliche Abfassungen sind, und empfangen wir gleich ehrerbietig von unseren nachbiblischen Vorfahren Rath und Belehrung, so können wir ihre Gesetze doch nicht unbedingt annehmen. Für J>raeliten gibt es bloß ein unabänderliches Gesetz, das heilige Buch der Schrift, auf Befehl Gottes niedergeschrieben zur sicheren Leitung seines Volkes bis an's Ende der Zeit." Wir haben (und gewiß Viele unserer Leser mit uns) keinen höheren Wunsch, als daß die Gemeinde in Eifer und Beharrlichkeit, dem Muthe und der Begeisterung ihres Predigers nicht nachstehen, und so selbst die Vorausverkündigung des letzter«: »Dieses Gotteshaus, obgleich gering im Entstehen, wird unter dem Segen der göttlichen Vorsehung ein Herold besserer Tage sein für das Haus Israel" zur Wahrheit machen möge. Truck und Verlag von §- Schuster in Hersfeld.