Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1842)
- Date
- 1842-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Wochenblatt für die Kenntniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben. von Dr. M. Heß, Großl,cr;ogl. Wcimarschcm r.'a»d -Raooincn;n Stadt-^cngrsclV bei Eisenach. Re. 42. Sonntag, den 16. Oeto-er I84S III. Jahrgang. Motto: Entschieden, freisinnig, muthvoll und wahr. Die Rabbinatsangetegenheit in Breslau. Dritter Artikel. Die religiöse Frage. (Schluß von Nr. 41.) In einem Stücke scheinen jedoch die Anklagen des Herrn Tiktin und seiner Freunde Grund zu haben, wir meinen das Mißverhältniß, in welches zuweilen bei der Entscheidung der rituellen Gewissensfragen die wissenschaftlich-gebildeten Rabbinen zu ihrer eignen Ueberzeugung gerathen. Die Rabbinen der steiforthodoxen Richtung kommen nur selten in diesen Fall. Ihr befangenes exegetisches Bewußtsein, wie die Beschränktheit ihres wissenschaftlichen Gesichtskreises überhaupt, laßen einen Zweifel an der Wahrheit rabbinischer Satzung und Exegese nur selten in ihnen aufkommen, und sie geben demnach ihre Entscheidungen im frommen Glauben und mit wirklich innerer Zustimmung. Daher hört man selbst von aufgeklärten Israeliten zuweilen den Wunsch aussprechen, es möchten die wissenschaftlich-gebildeten Rabbinen mit jener Funktion sowie mit der Zeremonie der Ehescheidung und Chaliza, bei welcher die exegetische Befangenheit und der minitiöie Sinn der Vorzeit am fruchtbarsten sich erweisen, sich nicht befaßen. Und in der Thal scheint die Beantwortung der rituellen Gewisscnsfragen für den Volkslehrer, der auf einem freieren wissenschaftlichen Standpunkte steht, nicht ohne Bedenken zu sein. Ertheilte er diese Entscheidung nach hyperorthodoxen rabbinischen Grundsätzen, so begeht er in Beziehung auf seine eigne Ueberzeugung eine Heuchelei. Zugleich übt er eine Täuschung aus, indem er den Fragenden etwas für Wahrheit gibt, was es nach seiner Ansicht nicht ist, endlich drittens macht er sich hierdurch eines Mangels an wahrer Gesinnung und religiösem Ernst, die eine Uebereinstimmunq der amtlichen Handlungen des Religionslehrers mit seiner innern Ueberzeugung erfordern, schuldig. — Stellt der Rabbine aber umgekehrt sich nicht auf den strengtalmudischen Standpunkt, sondern erlaubt er dem Fragenden das was nach seiner (des Religionslehrers) freieren Ansicht statthaft ist, so würde er wieder einer Täuschung sich schuldig machen, I da der in rabbinisch-angstlicher Gewissenhaftigkeit Fragende vom sireng-rabbinischen Standpunkte aus belehrt sein will, ja diese Täuschung des Seelsorgers wäre um so tadelnswerther, als sie, wenn sie dem Pflegbefohlenen bekannt würde, eine große Gewissensunruhe für denselben herbeiführen würde. Doch die Sache verhalt sich nur beim ersten Anblick so; tiefer in dieselbe eingegangen, werden wir auch zu einem andern Resultate gelangen. Zu diesem Behüte müßen wir hier einiges von dem wiederholen, was wir in dem Aufsatze: „Sind die neueren Rabbinen Heuchler?" (Nr. 7 des Israeliten) angeführt haben: Wir machten nämlich dort darauf aufmerksam, wie nicht nur der Geistliche, (der christliche, wie der jüdische) sondern auch der Arzt, der Padägog, der Staatsmann,