Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-10-02 · Heft 40 (2.10.1842) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 40 (2.10.1842)
Date
1842-10-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2566751-2566802-2566843--0452-2568095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

162 Widersprechen auch diese Aeußemugen des Hm. Rabbinen Auerbach den starr-rabbinischm Gmndsätzen, welche er in seinem Lehrbuche (s.Jahrg. l. Nr. 2 d. Bl.), niedergelegt hat so können wir uuS doch nur darüber freuen, da sie beweisen, daß Herr Auerbach wenigstens christlichen Beamten gegenüber, die in so gro Ker Zahl bei der Feierlichkeit anwesend waren, das Unzeitgemäße und Unvernünftige des starren Rabbinismus selbst fühlte, und wir haben nur den aufrichtigen Wunsch, daß er ferner in solch erleuchtetem Geiste auch da reden und handeln möge, wo kein Auge christlicher Behörden ihn beobachtet. Die Rheinische Zeitung enthält folgenden interessanten Artikel. »Die Presse, welche für die öffentliche Meinung dasselbe ist, was der Zeiger für die Uhr, hat bei Gelegenheit der erneuerten Zudrnfrage im Ganzen eine würdige Stellung behauptet. Sie hat sich nicht mit solchen Ansichten befleckt, über welche sogar Druckerschwärze erröthcn könnte. Sie hat fast einstimmig für die Anwendung der staatlichen Gerechtigkeit auch auf die Juden, für die Gemcinfreiheit aller Bürger ohne Ausnahme, ihre kräftige Stimme erhoben. Einst, und hoffentlich bald, wird sic es nicht mehr nöthig haben; anderen Fragen wird die Judenfrage Platz machen. Bis dahin aber muß jedes rechtlicbende Organ der Presse wie eine unbeugsame Stahlfeder die Wucht positivherrschender Beeinträchtigung von Menschen, welche die »Vorsehung« zu Juden machte, zurückschncllen. Die Presse darf darin nicht ermatten: denn ihre heiligste Pflicht ist, keinen Ekel zu empfin den, auch da nicht, wo er am allcrberechtigsten ist: in dem Kampfe gegen eine Praxis, welche von der Wissenschaft schon tausendmal zu Staub zermalmt wurde. Solche Gegenstände find z. B. die Frecheit der Presse und die Emanzipation der Juden.« »Bei Betrachtung der bürgerlichen und politischen Stellung unserer Juden erinnert man sich des Ausspruches einer Frau, deren schroffe Feindschaft gegen Vorurtheile, Engherzigkeit, Exklusivität, kurz gegen alles Philistcrthum sie Jedem werth macht, welcher in allen Verhältnissen das rein Menschliche verwirklicht wünscht. »Wie ist's möglich,« sagt Rahel, »daß bei so viel Bildung, wie schon auf der Erde da ist, sich so große Reste der größten Rohheit nebenan, dicht nebenan erhalten? Manchmal schein' ich's zu wissen, wie es zugcht, manchmal entschlüpft mir's wieder. Krieg und die größten Schriftsteller. Christenprahlerei und Christentugend, und Sklaven.-Es scheint beinahe leichter, hohe Gedanken und Gesinnungen zu haben, die schönsten Erfindungen zu machen, als alte Uebelstände und Ruine» los z» werden, und die Liebhaber dieses Schutts davon abzuhringe» «ud zu reinigen.« »Ja, wie ist's möglich! Aber was der ursprünglichen Anschauung der Frau so einfach und klar ist, das wird den meisten Staatsmännern, richtiger hohen Beamten, eine sehr zusammengesetzte und mit zahllosen Bedenklichkeiten gespickte Sache. Besonders in Deutschland scheint jede Reform erst mit den größten Hindernissen lange Zeit kämpfen zu müssen; und die wenigen Fälle abgerechnet, in welchen wirkliche Staatsmänner mit Urtheil und Charakter, mit oder ohne Krone, an die Spitze der Bewegung traten, ist bei uns kein tüchtiger Fortschritt geschehen, welcher nicht durch materielle oder moralische Nöthigung den Gewalthabern abgedrungen wäre. Wie geht dies zu? Woher dieser fast permanente Zustand von Spannung und Spaltung in den Ueberzeugungcn und Bestrebungen der Regierenden und der Regierten, und weiter ausgedehnt der Habenden und der Fordernden, der Priveligirten und der Ausgeschlossenen? Wir wollen hier die schlechteren Beweggründe und gemeinen Leidenschasteu bei Seite lassen, nicht von der niedrigen Selbstsucht sprechen, welche möglichst viel für sich, möglichst wenig für Andere will. Betrachten wir die menschliche Natur mit so optimistischem Auge als rS die Dinge irgend erlauben. Da finden wir bei den meisten Verweigerern von Reformen und politischen Rechten einerseits Mangel an Nachdenken und folglich an eindringendem Urtheil, andrerseits Widerwillen gegen jede Störung der hergebrachten »Ordnung", sollte diese auch nichts als übertünchte Unordnung sein. Beide Eigenschaften fließen in eine zusammen, nämlich die Liebe zum Hindämmern im s'aiu quo, weil jede Abweichung davon mit Anstrengung verknüpft scheint. In dem Beamtenstande gestaltet sich diese Stimmung zu derjenigen, welche die Auster in der Schale haben mag, zur leidenschaftlichen Liebe des Bestehenden. Die Beamten (wir sprechen in Bausch und Bogen) sind jeder Verrückung der Fächer abgeneigt, in welchen sie das gcsammtc Volksleben von den größten bis zu den kleinsten Dingen wohl geschichtet, verpackt und numerirt haben. Sie verstehen nicht genug das Lebendige in seiner unendlichen Bercchti- (jung, und meinen etwas Großes zu vollbringen, wenn sie Alles und Jedes zu Papier bringen, und ihre Attenschränke mit den Gerippen der Volksthätigkeit füllen. Die Spitze dieses ab- und eingezogcnen Treibens ist die Statistik. Während die Freiheit das wahre und edelste Gesetz alles Lebens ist, geht die Wirksamkeit des BeamtcnthumS wesentlich dahin, die Freiheit einzufangcn und zu beschränken, und zwar mit dem größten Erfolge da, wo schon unzählige Gesetze die Freiheit eingehegt und in eine Anzahl vor Freiheiten zersetzt haben, wo cS bequemer und übersichtlicher wäre, alles nicht ausdrücklich Erlaubte für verboten zu erklären.« »Ich habe eine zu gute Meinung von der intellektuellen Begabung und der sittlichen Bildung derjenigen, welche bei uns die Staatsangelegenheiten lenken, als daß ich nicht ihre etwanige Antipathie gegen die gründlichen von Hochherzigkeit und Rechtssinn gebotenen Reformen auf Rechnung jener unheilvollen Aengstlichkeit setzen sollte, welche sich in dem Gegebenen um jeden Preis fixirt und, aus Furcht zu fallen, nicht aufzustehen und zu gehen wagt. Dieser Erklärungsgrund reicht aber nicht aus, sobald dennoch eine Bewegung geschieht, aber rückwärts. Von solcher Art sind die üblen Aussichten der längstbegehrten Judenemancipation.« (Forts, folgt.) In den Synagogen Frankreichs haben gleichfalls Trauerfcierlichkcitcn um den Herzog von Orleans stattgefunden, auch haben die Konsistorien von Straßburg, Metz und Bordeaux Adressen an den König cingesandt. Angekommenr Jost, Legislative Fragen. Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.