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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-09-18 · Heft 38 (18.9.1842) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 38 (18.9.1842)
Date
1842-09-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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153 über Cultuäf--sngelegeyhkiten; im Vereine. mehrer hcrauSgegeben s von S. L. LipPmannSsohu (Lippstadt bei Lange). Das erste Heft I liegt bereits vor uns und wir versprechen uns um so Segenreicheres von diesem Unternehmen, als der sehr vortheilhast bekannte LippmannSsohn an der Spitze desselben steht. Möchten seinem Legeistertkn Streben recht viel fördernde Hände entgegenkommen. Auch von der so beifällig aufgenommenen und schnell verbreiteten israelitischen Bibel von Herxheimer ist bereits der zweite Theil erschienen. Höchst überraschend ist cs aber, zu vernehmen, daß selbst die kleinen Dorfgemeinden in Witterschlick, Poppelsdorf und Beuel, (im Kreise Bonn) das Hamburger Gebetbuch eingeführt haben. — Es scheint also nicht als ob das BernayS'sche Jntcrdict auch nur bei Dorfgemeinden eine Wirkung hervorgcbracht hätte. Nicht bester wie dem Hamburger Chacham, erging eS dem Breslauer Missionöprediger. Es hörte ihn keine von den „verdammten" Seelen an. Die gebildetere Klasse der dortigen Juden besteht meist aus so gelehrten Leuten, daß ihnen der gute Missionsprcdiger gar nicht gewachsen ist, und der niedere fanatische Troß hat weder einen Begriff, was der Missionar will, noch was er foll, und geht ihm natürlich schon von weitem aus dem Wege. Deßhalb hat der gute Mann Breslau, als Heidenstadt, aufgegeben und reist schon seit längerer Zeit auf Kosten des Vereins auf den Messen umher. Von diesen Reisen brachte er zwei „verdammte" arme Judenseelen zurück, um sie hier mit Pomp zu taufen. Wie meist fragten aber auch diese Täuflinge; was wird uns dafür? Der Missionär war für diese Antwort nicht mit den geeigneten Mitteln versehen, und so gingen die Täuflinge ihrer Wege; der Missionär aber meinte: des Herrn Wille geschehe. —... (Neues aus Frankreich.*) Herr Bervheim, ein altes- Mitglied des israelitischen Consistoriums v,on Paris, ist in einem noch wenig vorgerückten Alter gestorben. Herr Dacosta, welcher, ehe er nach Marseille berufen ward, nacheinander in Bayonne, Bordeaux und Paris funktionirte, hat überall ein ehrenvolles Andenken zurückgelassen. Er verband mit dem Amte eines Geglichen das eines Professors der Morak und Religion. Hr. Cahen, der Oberrabbiner von Marseille, hielt bei dieser Gelegenheit eine sehr rührende Rede. Aus Metz, wird geschrieben: „Unser Schulsaal, der von der städtischen Behörde abhängt, ist vollkommen restaurirt worden; unsere Synagoge, welche von der Consistorialbchörde abhängig ist, kömmt immer mehr in Verfall. Unser Comite ist nun mit der Errichtung eines Zufluchtsaales beschäftigt. Diese Maßregel wird um so heilsamer sein, als man nicht früh genug der ersten Kindheit die guten Gewohnheiten einflößen kann, welche nicht immer das väterliche Haus darbictet." Bon der noch hie und da herrschenden naiv-religiösen Denkweise in iFrgnkreich gibt folgendes Schreiben aus Nantes an die Archive jsrael. einen Beweis: „Voriges Jahr starb hier ein alter Mann, Namens Raphael Ennery aus Metz. Er lebte in Nantes mehr als ein halbes Jahrhundert. In seiner Jugend verheirathete er sich mit einer Schwester des Pedells der Cathcdrale. Er bewies eine ungeheuchclte Ehrfurcht vor der Religion seiner Frau. Die aus dieser Verbindung abstammeuden Kinder wurden getaufr, denn der Vater wollte niemals seine' Söhne beschneiden lassen, wahrend diese es jetzt öfters beklagen, nicht im Judenthum erzogen worden zu sein. Ich übergehe, sagt der Eorrcsvondenk, mit Stillschweigen die Handlungen, welche Hr. Raphael sich gegen seine Religionsgenossen, die in Nantes Geschäfte machen wollten, erlaubte, und beschränke mich aus die letzten Augenblicke seines Lebens, wo sein Gewissen ihm bittere Vorwürfe über sein vergangenes Leben machte. Er ward ein wahrhafter Büßende ('-»»•n rDIKTl)/ und kasteiete sich, wie ein Trappist. Kurz, als er mit dem Tode rang, vermochte er nicht den Geist aufzugebcn ohne zu wissen, wohin er kommen werde. Er betete unaufhörlich, und fragte beständig, ob er nicht in'S Paradie (pj; j») kommen werde. Unser Chachan, ein geistvoller und aufgeklärter Mann, machte ibm begreiflich, daß ihm, da er Reue empfunden, Gott auch vergeben habe, und daß, wenn er am Freitag sterbe, er geradezu in'S Paradies kommen und nach der Tradition der Rabbincn seine Stelle bei den Gerechten (E'P'-ft) finden werde. Diese Zusprache besänftigte seinen Todeskampf, und noch denselben Abend, an einem Freitag, starb er, mit dem — ^2*1 ycjj* auf den Lippen." Der Oberrabbiner Kahn in Trier hat sich in der rheinischen Zeitung folgendermaßen vernehmen lassen: Die gegenwärtig beabsichtigte Umgestaltung unserer bürgerlichen und religiösen Verhältnisse hat, sobald sich nur das Gerücht davon verbreitete, das allgemeinste Interesse erregt. Mit dem innigsten Tanke erkennt der Unterzeichnete, und mit ihm alle Israeliten die liebevolle Theilnahme an, welche die meisten deutschen Zeitungen, insbesondere auch diese, und die öffentliche Stimme uns bewiesen und noch beweisen, und findet sich daher um so mehr verpflichtet, die uns wohlwollenden Menschenfreunde auf Folgendes anstnerksam zu macken. Ich meine nämlich, die leider! nur zu sehr bestätigte Erscheinung, daß, trotzdem jetzt so viel Schönes, Wahres und Gutes über Juden und Judenthum geschrieben wird, dieses Alles dennoch dem Christen unbekannt bleibt, während das, was gegen die Juden geschrieben ist. Jedermann kennt und lies't. So findet man in keinem Kasino, in keinem Lesezirkel, bei keinem christlichen Gelehrten oder Beamten eine von Juden geschriebene, über Judenthum handelnde Schrift >der Zeitung, während in den erster» die meisten sowol politischen als belletristischen Blätter nie fehlen. Mag dies nun darin, daß die Christentheils von diesen Leistungen der Juden selbst nichts wissen, theilS immer noch zu hoch auf diese herabschcn und von ihnen nichts wissen wollen, oder in sonst einem andern Umstande seinen Grund finden: genug, eben daher kommt es, daß viele selbst der hochgestelltesten Christen unsere Verhältnisse nicht kennen und nicht [wissen, daß wir noch in Vielem zurückgesetzt sind. Tie schlimmere Folge für uns aber ist, daß manche sehr humane Christen bei *) Nach den Archives israel.

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