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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1842-08-07 · Heft 32 (7.8.1842) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 32 (7.8.1842)
Date
1842-08-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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130 Gegensätze. *) Der Staat ist eine Sammlung von einzelnen Menschen. Das jedem Einzelnen mit allen andern gemeinschaftlich ist, das ist auch im Ganzen das Vorherrschende. Ist jeder Einzelne z. B. blondhaarig, so ist der Staat ein Staat von Blondharigen; schwarzhaarig, von Schwarzhaarigen. Also wird das Ganze, wie ein Haufen Getraidc, componirt und erhält seinen Charakter von den einzelnen Körnern. Sollte cs anders in sittlichen Merkmalen und Eigenschaften sein, wie in diesen natürlichen, physiologischen? Gewiß nicht! der Charakter aller Einzelnen bildet den Charakter des Volkes, und der moralische Werth der Individuen bestimmt den der Gesammtheit. Begreiflich muß hier das, was man Ausnahme nennt, eine unbedeutende Minderzahl, abgerechnet werden. Wenn aber Würde des Menschen nicht Eigenschaft des Leibes, sondern die, des Geistes ist, so muß doch wohl auch des Volkes Würde in der Würde des VolksgcisteS bestehen. Das ist klar! Zn was bestellt nun aber die Würde des Geistes im Einzelnen? Zn der Sclbsrbcüerrschung! Und diese ist? — die freiwillige Unterjochung des Leiblichen durch das Geistige, die Unterordnung des Eigenwillens und der Sinnlichkeit unter das Moralgesctz und das Uebcrsinnliche. Denn der Mensch besteht, wie bekannt, aus Erde und Seele, Staub und Geist, er ist Bürger zweier Welten, der endlichen und der ewigen, des Trüben und des Lichts, er ist, wie ein altes Lied saug: halb Thier, halb Engel! Nun kommt cs begreiflich darauf an, welches von beiden in ihm vorherrsche, und darnach bestimmt er in sich — ist er anders fähig, sich seines Znncrn klar bewußt zu werden — seinen Werth, das ist sein Gewissen. Ter Staat kann mithin keine andre Bestimmung, keinen andern Werth, kein ander Gewissen haben, als das aller Einzelnen, die ihn auSmachen. Drßhalb lehrt auch Plato in seinen Büchern von den Gesetzen, (' W'i der Staat muß, wie der Einzelne, sittlich leben! M r ihm ist nicht einerlei Meinung der Herr Graf von Rcvcntloder Berichterstatter, wie wir später sehen werden; dieser meint, nur der Einzelne habe die Aufgabe im christlichen Staate christlich zu leben, d. h. Milde und Liebe zu üben. Wer von beiden dssechr habe, der Heide oder der Christ, brauche ich iucr wohl nicht auszusprechen? Wie ist nun der Charakter und die Gesammtnatur eines Staates beschaffen; in dem das Zrrdische über das Geistige, die untere Na.ur über die höhere herrscht? Welcher ist der Ausdruck eines solchen Narionalcharakrers? Begreiflich ganz übereinstimmend mir dem, eines Zndividuums, das sich dem Irdischen zu-, dem Ewigen ab gewendet hat; es ist der Charakter der Roheit, Unsilllichkeit, der Verwilderung. Wir wollen Einzelnes daraus prüfen, um die Anwendung zu erleichtern. Der erste uns auffallende Charakter der Roheit ist das Zugcsstanrniß der Ungleichheit der Menschen, nicht jener *) AuS Sleinhcims Meditationen über die Verhandlungen der Holsteinischen Stände in Betreff der Mosaiken, welche Schrift wir unseren Lesern aus das Beste empfehlen können. Red. augenscheinlichen der verschiedenen Geistesgaben und des Eharak. tcrs, sondern einer fingirten, organisch-natürlichen. Dieses Vorurthcil der Ungleichheit wird dann geheiligt durch eine neue Fiction des bessern Stoffes, des edleren Saamens, oder selbst der göttlichen Herkunft. Es ist dieß der Charakter der Herocnzeii und der riesenhaften Gestalten und Schicksale weniger Geschlechter, ausgezeichnet durch Stärke und Trotz. Dieß ist daö Vorurtheil der Asccndenz; das Zdol der Apotheose. Mit diesem eng verbunden ist das zweite, noch verderblichere Vorurthcil der Dcsccndenz, d. i., die Meinung und das Zugcständuiß der Erblichkeit menschlicher Vorzüge, der Erwerbung dessen, was Menschen über Menschen erhebt, durch den thierischen Zcugungsproceß; das Idol der Race. Dem Lorurthcilc, daß der Heros von einem Gottestamme, schließt sich das zweite, daß der Heros Uebcrmcnschcn zu Kindern haben werde, unmittelbar an. Dieß heißt aber nichts anders, als den Geist des Menschen mit seinem Leibe idcntificircn, und jenen denselben natürlichen Gesetzen unterwerfen, wie dieser eS ist: dem Zeugungsactc. Dieß ist aber wieder nichts anders, als ein Hcruiuersetzen des Geistes, des Unendlichen, unter die Gesetze der Materie, des Endlichen, und ist in dieser Beziehung eine Zmmoralitar, sofern diese in dem Vorwalttnlasscn des Geistes vor dem Leibe, in einem Unterjochen Dieses durch Jenen besteht. Das Dritte, in guter Consequenz mit beiden ersten stehende, Vorurthcil ist die Anknüpfung jener Privilegien an Besitz und zwar an einen künstlich befestigten: das Idol des Majorats. Zwei Porurthcile, das eine, daß die Götter ihr Eigenthum ihren Dccsendentcn überliefert, und das zweite, daß diese Göttlichkeit sich abwärts fortpflanzen lasse, heischt folgerecht das dritte, des ewigen Eigcnthumes, daher die Bevorzugung des Erstgebornen alS Stammhalters, damit das Stammgut nicht zersplittert werde, trotz der juridisch ungerechten Enterbung der Nachgcbornen. Irdischewiger Besitz tritt aus als Gewähr der irdisch-ewigen Propagation des göttlichen Gcistcsinonopols durch geschlechtliche Vermischung. So klingt der Wahnwitz alter Jahrhunderte, und so ist der Anfang aller Mcnschcugeschichte beschaffen; er erscheint wie, nach der Fabel, die eben werdenden Thiere, halbfertig, hinten noch unfertiger Schlamm. Wir sehen an jenem dreifältigen Charakter der Culturansängc der menschlichen Civilisation das primäre Vorherrschen deS Gewaltsamen, Materiellen, Unsittlichen, über das Freie, Geistige und Sittliche. Die Veranstaltungen, die Reinheit der Geschlechter zu erhalten, sind nun aber — denn also ist die hö- Here Ordnung der menschlichen Natur eingerichtet — eben Veranlaßungen zu Wirkungen entgegengesetzter Art, zum Versinken und Verdummen derselben geeignet. Das edelste Geschöpf der Erde, der Mensch, entzieht sich den Bestimmungen der Thierwclt. Sich unter ihre Gesetze stellen heißt sich erniedrigen. Und wenn die Großen der Erde an ihre Pallästc ihre Marställe anschließen, so schreiben sic eben hiemir das beißendste Epigramm über ihre eignen Prätcnsionen, und fällen über sich selbst das Urthcil der Humanität über die herrschende Animalitäl." (Schluß folgt.) Druck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.

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