Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1842)
- Date
- 1842-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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HO liche Kinder geboren werden, demnach die Christen durchschnittlich viermal mehr uneheliche Geburten hätten als die Juden.! Auf Anregung der kön. Negierung sind die Distriktsrabbiner j von Untersranken und Aschaffenburg in Würzburg versammelt,! um sich über die Weise, wie der jüdische Religionsunterricht in I den Schulen vorgetragen werden soll, gegenseitig zu verständigen. Recht sehr zu wünschen (bemerkt hierbei die Würzburger Zeitung) ist, daß man eine tüchtige Durchbildung des Prinzips bei der Jugend im Auge behalte, damit mehr und mehr jene geistigen Mißgeburten verschwinden, die das starre Festhalten an den Nitualgesetzeu des Talmuds als die alleinige zu erstrebende Tugend und Wissenschaft betrachten. Wenn die aufwachsende Generation der Juden sich mit den Satzungen dieses Gesetzbuches aufs neue verknöchert, so ist kein Heil für dieselbe in der Zukunft zu erwarten. — Viel Rühmliches wird von dem israelitischen Waiscninstitute, das Baruch Auerbach in Berlin gründete, berichtet, dasselbe soll auf's Neue den Beweis ablcgen, was ein beharrliches und liebevolles Streben vermag. Erst vor neun Jahren war diese Anstalt mit den schwächsten Mitteln gegründet, und schon jetzt ist sie zu einer solchen Blülhc gelangt, daß bereits 15 Kinder ordentlich unterhalten werden, und die Unterstützungen mit jedem Tage reichlicher zuflirßrn. Unter die Wahlmänner, zur jetzigen badischen Ständeversammlung wählte Mannheim auch 5 Israeliten. Ueberhaupt verspricht man sich von den jetzigen Mitgliedern des Landtages viel für die Sache der Emancipation der Israeliten, da selbst diejenigen welche früher ungünstig gestimmt waren, sich zu edleren Ansichten erhoben haben sollen. Steinheinr über die Zeit vor Mendelssohn. (Schluß von Nr. 26.) »Wo ward nun dem armen Judenkinde wohl und kindlich zu Muthe? In der Schule geängstet von der gefürchteten Barbarei eines rohen Gesellen; draußen verhöhnt und mit Stcinwürfen verfolgt von der feindseligen Dorsjugcnd, so daß ihnen kaum ein Spielplatz verblieb, ihre freien Mußestunden friedlich dahin zu tändeln. Mögen sich diejenigen, die noch vor der Hälfte des vorigen Jahrhunderts nach dieser Methode erzogen sind, ihrer Kinderjahre erinnern, und sage mir Einer, ob er nicht mit Schaudern an jene Stunden der Angst in dem dumpfen schmutzigen Schullerlcr, wo ein geistiger Kerker für seine Seele gebaut wurde, zurück denkt % Der Grund zum Hasse gegen den Lehrer war in seiner ganzen Fülle vorhanden, und es ist begreiflich. wie dieser Haß und dieser Widerwillen aus das, waö da gelehrt wurde, übertragen werden mußte. Die Unzahl von Gebeten, die, bevor dem Knaben das Frühstück verabreicht ward, zu Ende gebracht werden mußten, wurden unter Mißmuth und Thränen, und so hastig als es sich nur thun ließ, mit der Schnelle des Windes, herabgeplappert, oft wurde absichtlich ein Blatt mehr, als heimlicher Gewinn, Umschlagen. Dieß nach der Elle gemessene Morgengebet, das als ein Tribut dem Höchsten dargebracht wurde, widerstand dem kindlichen Sinne, das in richtiger Werthschätzung den Preis eines solchen «>p<?ris operati nicht anzuerkennen vermochte. Man erzählt, daß ein älterer Mann ein Kind, das bei einem rührenden Gebete am Fasttage so herzlich, wie die Erwachsenen weinte, ftagte weßhalb, und das Kind ihm darauf antwortete: ich bin so hungrig, und bekomme nichts vor Abend! — Also wuchs der jüdische Knabe auf, frühzeitig gewöhnt an Unterdrückung von Innen und Außen, ohne Rettungsmittcl, als sklavische Unterwürfigkeit, oder List und Lüge. Diese Schilde-' rung ist durchaus nicht übertrieben. Aber unter so traurigen Berhältnissen von innen mußten nicht allein alle Gefühle für Adel des Menschen und Freiheit des Geistes erstick: werden: sondern es mußte auch die bessre Einsicht und das wahre Verständmß jener Lehre nach und nach schwinden, die in Zeiten der Roth und des Drangsalcs von Außen unfern Vorfahren Freude und Trost war. Commentare auf Commentarc häuften sich; jeder meinte, die zugespitztcn Spitzen der Vorfahren wiederum noch mehr zuspitzen zu müssen; eine entsetzliche Masse von scharfsinnigen Winzigkeiten umgaben den Text, dergestalt, daß dieser endlich dünne und oft ganz unsichtbar in einer Sündflulh von Noten schwamm, rarus »ans in gurgi:e vasto. Wie von Unkraut überwuchert lag der Altar des Herrn in tiefer Verborgenheit! Wir hatten nur noch Noten zum Texte, deren Studium ein ganzes Leben hinnahm. Wie dieser Neichihum an Commentaren zunahm, verarmte das Haus Israel an wahrer Gotteserkcnntniß und echter Gottesfurcht. Ter freie Dienst Jehovah's verwandelte sich in eine Galcerenarbeit, und der Knecht Gottes ward zu einem Menschenknechte. Jene unsaubern Gäste aus Polen hatten vermöge ihrer errungenen Aurorität jedwede andre Bildungsquelle abzuschneiden gewußt, und als gotteslästerlich dem gläubigen Gcmüthe dargestellt. Von Leetiire blieb nichts als einige alte Sagen- und Ritterbücher aus dem Jahrhunderte der Meistersänger, die in immer neuen Ausgaben in jüdisch - deutscher Sprache abgcfaßt, dem Volke geboten wurden. Ten Frauen gar ward eine Bibel in die Hände gegeben, die nur Commentar war und kaum eine Spnr von Text mehr enthielt, deren Plumpe Holzschnitte und Initialen mir einst als Kind dennoch viel Vergnügen gewährt haben. Dieß war nun der tiefste Verfall einer Religion, von welcher aus sich zwei mächtige Zweige nach Osten und nach Westen über die civilisirie' Welt ausgcbrcitet, und die Seelen der Menschen zum Dienste des Einigen Gottes vorbereitet, und zum Reiche des Friedens auf Erden hingeleitct hatten; also war die Verödung in den geistigen Gebieten des höchsten Menschenthumes unter den rohen Händen einer knechtischen Masse beschaffen; so stand es mit einem Worte in Israel, als sein Hirt ihm den dritten Moses, unfern Mendelssohn erweckte." Truck und Verlag von F. Schuster m Heröftld.