Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1842)
- Date
- 1842-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2566751-2566802-2566829--0382-2568011- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
106 |s Straßenfeger« freier Reichsstädte herabgewürdigt war. Die aufgezwungcne Sklaverei von außen entsprach, der freiwilligen Knechtschaft von innen, wie denn wol überall eine der andern conform ist; eine die andere hervorruft. War nun die äußere Knechtschaft schmachvoll, so war die innere noch schmählicher. Die äußere ward durch ein volles Gegengewicht gemildert, das den Dolksgeist wieder Hub und trug; da waren als Compcnsationen tiefe, fromme Erregungen, heiße Wünsche und stille Hoffnungen auf Erfüllung der messianischen Verheißungen. Es wächst daö Gebiet des Jenseits wie das diesseitige abnimmt und schwindet. Allein die innere freiwillige Knechtschaft hat kein solches Aequivakent; in ihr liegt der Mensch in allen seinen Richtungen gefesselt, und der innere Verfall wurde um so tiefer und erniedrigender, als die Menschenklaffe, die jene Autorität verwaltete, eine gesunkene war. Diese zahllosen sogenannten Gelehrten waren es, die, ihren großen Vorfahren und Mustern unähnlich, die Worte der heil. Schriften, die sie intcrpretirtcn, auch zu ihrem Nutzen auszubeuten verstanden. Diese Menschenklasse lieferte «ns Deutschen das volkreichere Polen, wo es von Gelehrten solcher Art wimmelte, die für die Weisheit, die sie uns brachten, mit Bereitwilligkeit unsere vergänglichen Güter cintauschten. Das Religionssystem complicirte sich mit jedem neuen Lehrer; die Casuistick ward grenzenlos, und unerschöpflich, wie das Leben, das sie ausschöpfcn mögte; die Commenkare häuften sich mit jedem Tage, und überwuchsen wie Wuchcrpflanzen den einfachen Daum des Lebens und erstickten ihn, sogen seine Nahrungssäfte in sich — wie mochte er gesunde Früchte tragen? Alle Religionsübungen versanken in eine dumpfe Mechanik; ohne Verpä'ndniß ward in der fremd gewordnen Sprache die Quantität Gebetes tagtäglich mchrcremale abgeleiert; einem plappernden Mühlradc ähnlich klang die Andachtsübung, welche Seele und Herz dem Heiligen Israels entgegen tragen sollte; die Psalmen ertönten aus ihrem Munde wie Trommelwirbel. Schon ihre ewige, ununterbrochene Widcrholung profanirtc die hcilig-crhabeneu Stufcngesänge, und setzte sie tiefer herab, als abgeorgclte Gassenhauer. Zu elendem Geplauder und schnödem Zuugcngc- Lresch waren alle Gebete und jeder Bibelabschnitt verderbt; der Gottesdienst ohne Andacht, ohne Würde; die etwaigen frommen Erregungen durch profanes Zwischengcplauder während der Andachtsübung gestört und unterdrückt. — Jenen unsaubern Glisien, welche Polen uns wie große Hcuschreckcnwolken in ununterbrochenen Zügen zusandte, war denn nicht allein die Hauptleitung unserer religiösen Angelegenheiten: ihnen ward auch der Unterricht und die Erziehung der Kinder, namentlich der Knaben anvertraut. Die Erziehung der Töchter war eigentlich gar keine zu nennen. Diese rohen Menschen wurden in die Familien ausgenommen, und weideten ihre Heerde mit eisernem Stabe, besonders aber die Heranwachsende Generation. Ihre Zucht entsprach ihrer 'eignen Sittenrohcit; ihre Strafen waren ungerecht und barbarisch in solchem Maaße, daß nicht selten Mißhandlungen vorfielen, durch welche Gesundheit und Leben der. Kinder gefährdet wurde. Begreiflich mußte den Kindern die Schule zur Folterkammer und ihr Schulmeister zum wahren Grausen-erregenden Tyrannen werden, dessen strengen Züchtigungen sie sich mit List und Gewalt zu entziehen bemüht waren." (Schluß folgt.) Dev Harfner. Fast sind's dreitausend Jahre, Daß er die Harfe schlug, Der königliche Sänger, Der Krön und Zepter trug. Und was hat er gesungen Aus tiefer, warmer Brust, Noch heut ist's nicht verklungen, Noch heut ist'S Formmer Lust. Gebet und DankeSpsalmen, Das Lied vom Herrn der Herr'n, Sein mächtig Thun und Walten Auf seinem Erdenstern; Sein Wirken und sein Schaffen, Wie er den Menschen führt. Sein Segnen und sein Lieben, All' Lob daö ihm gebührt: Das hast du großer Sänger, Mit Kraft und Frömmigkeit Für alle Zeit gesungen, Zum ew'gen Lied geweiht. In enger, stiller Klause, Wo fromme Andacht wohnt. Im weiten Gvtteshause, Wo Glaub' und Liebe thront. Auf Bergen und in Thälern, Wo Baum und Blüthc lacht: Da klingt der hohe Psalmen, Für alle Zeit gedacht. Aus, königlicher Harfner, Mit deinem hohen Sang! Hast Herzen hoch erhoben. Die sonst nur schlugen bang, Du sollst uns fürder singen Das Lied vom Herrn der Herr'n, Sein mächtig Thun und Walten Auf seinem Erdenstern. Heinrich Schulze. Angekommen: Der Fluch des Rabbi. Holdheim, Verketzerung- und Gewissensfreiheit; dessen Gedächtnißrcde, und gottesdienstliche Vorträge. Zweites Heft. Truck und Verlag von F. Schuster in Hersfeld.