Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1842)
- Date
- 1842-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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94 friae Schüler rrur zu ei«er Eonfession gehören, große Umsicht u«d Behutsamkeit erforderlich, daß er verjährten und leider zu tief eingedruugeurn Dorurthcilen und irrtbünuicheu Ansichten keine Nahrung gebe uud nieulals vergesse, daß nichts leichter anzufachen und schwerer zu loschen ist, als der stets fortglimmcndc und von fo mancher Seite genährte Funke der religiösen Intoleranz. Wenn er nun allerdings die Obliegenheit hat, die positive Lehre in der Form, wie die besondere Confessio» sie anerkennt, als die wahre darzustcllen, und zu begründen, so sollte er zugleich nicht unterlassen, seinen Schülern die Wahrheit einzupräaeu, daß eine gottergebene Gesinnung, ein rechtschaffener Lebenswandel und Liebe Gottes und der Menschen, diese Grundbedingungen dcS Heiles und der Seligkeit, wenn sie auch durch eine Religion leichter als durch eine andere erreicht werden, dennoch an keine spericlle Religion gebunden und daher keiner berechtigt sei, sich über Andersglaubcndc zu erbeben und dieselben geringer zu achten; daß keine RcligionSlchrc ihren Bekennern moralisch verwerfliche oder verderbliche Grundsätze rinfiesic, wenn auch in allen manche Lehre mißverstanden und mißbraucht worden ist; daß selbst manche, der theoretischen B-.urihcilnng noch schädliche Dogmen und Jnstituticnen, im praklischen Leben dennoch sich anders gestalten und nicht den Einfluß aus die Gesinnung und die Handlungsweise ausüdrn, den man vorauSznsetzcn geneigt ist und daß wir daher in dem Bekenner einer jeden Religion, die eine reine Sil tenlchre predigt — und eine andere darf der Staat nicht dulden — den Menschen achten müssen. Bei der Geschickte Jesu wird der wahrhaft humane Lehrer rS vermeiden, solche Vorstellungen zu unterhalten, die, wie die Erfahrung lehrt, noch immer geeignet sind, angcerbte, schädliche Dorurtbeile und inhumane Gesinnungen fortzupflanzcn. Er wird daher den Ted Jesu nicht so darstellen, als sei er vom jüdischen Volke auSgegangcn, was eben so sehr den evangelischen Berichten widerspricht *), als wenn man, wie nicht selten geschieht, daS damalige israelitische Volk als verderbt, heuchlerisch und für ächte Religiosität unempfänglich schildert. Vielmehr erscheint dasselbe in den Evangelien als ein Volk, bei welchem die Religion alle Lebcnselcmcmc durchdringr, wo — wie bei keinem andern Volle der damaligen Zeit — der Gottesdienst überall, mit einziger Ausnahme Jerusalem'», nur in Gebet und religiöser Belehrung besteht, die Reu'gionslchrcr oder Schriftgelchrten in größerem Ansehn, als die den Opserdienft verrichtenden Priester sieben und welches sich um religiöse und moralische Predigten stets zahlreich versammelt, wenn auch den äußeren Ccremonicen vielleicht ein zu hoher Werth bcigclegt wird. Gingen doch aus demselben die Apostel und Jünger hervor; waren cs dock Juden, welche die ersten christlichen Gemeinden gründeten und die christliche Lehre unter die Heiden verbreiteten. Von der andern Seite wird der israelitische Lehrer vom Stifter des Christenthums in dem Tone und mit der Achtung sprechen, die dem Gründer einer Religion zukommt, zu der sich die *) S. Math. 27, Marc. 14 u. 15, Luc. 22. | civilisirtesten Völker bekennen. Diese Achtung wird ihm der israelitische Lehrer um so aufrichtiger zollen, als die Lehren, welche Jesus in seinen öffentlichen Lehren cinschärst, in den Schriften Mosis, in den Propheten und Psalmen als die wesentliche Bedingung eines gottgefälligen Wandels aufgestellt werden, und er selbst das Ceremonialgesetz beobachtete, wenn er gleich, wie die Propheten, daraus hindeutet, das dieses der unwesentlichste Theil sei *). - Auf solche Weise wird, in den beiderseitigen Schulen, die Geschichte von der Stiftung deö Christcnthums, statt Abneigung urrd Trennung zu erzeugen, ein Mittel der gegenseitigen Liebe, und Annäherung sein, und die Sache der Humanität wird dabei gewinnen.« „Ein eben so wirksames Bcsördcrungsmiktcl der Humaniräi, als die RcligionSlehrc, ist der Unterricht in der Geschichte. Die Wirkung desselben ist in Bürgerschulen um so dauernder und bedeutsamer, als der Schüler oft in seinem nachherigen Lebenslaufe keine Gelegenheit, Muße oder Neigung hat, die etwa eingesogenen irrthiimlichen Vorstellungen zu berichtige». Welcher Gegenstand ist aber mehr geeignet, je nach dem Geiste, in dem er gelehrt wird, wahre oder falsche Ansichten von den menschlichen Verhältnissen bcizubn'ngcn, den Verstand aufzuklären oder zu verdunkeln, den Gesichtskreis zu erweitern oder zu verengern, in dem Herzen die hohem und edlem oder die niedcrn und selbstsüchtigen Gefühle zu wecken, mit einem Worte: Humanität oder Menschenverachtung zu lehren, als die, das individuelle wie das Volksleben in allen seinen Gestaltungen abspiegelnde Geschicktes« (Schlußfolgt.j *') Daß in den israelitischen Schulen so verfahren wird, kann der Schreiber dieser Biälter bezeugen. Dasselbe stimmt selbst mir den Ansichten älteren Rabbincn überein. S. u. A. des gelehrten I. Emden Anhang zu Scdcr Olam. M i s c e l l e n. Die so häufige Erscheinung, daß freidcnkcnde das Wissen zum Maßstab dcS Glaubens erhebende, Männer in ihrem Alter Apostaten des Wissens und Neophvtcu des Glaubens werden, erklärt Börne folgendermaßen: „Der Mensch hat einen Körper, eine irdische und eine himmlische Seele. Der Körper dient der irdischen z» Hülle, diese der himmlischen. Sinnlich beginnt der Mensch, dann denkt er, endlich glaubt er. Dieses ist der Weg, den alle zurücklcgcn, die nach einer vollkommenen Ausbildung streden.« Heine dagegen zählt jene Erscheinung?zu den pathologischen. »Auf dem Todtbette sind so viele Freidenker bekehrt worden — aber macht nur kein Rühmens davon! Diese Bekehrungsgeschichten gehören höchstens zur Pathologie und würden nur schlechtes Zeugnis' geben für Eure Sache. Sie beweisen am Ende nur, daß es Euch nicht möglich war, jene Freidenker zu bekehren, so lange sie mit gesunden Sinnen unter Gottes freiem Himmel nmherwandeltcn und ihrer Vernunft völlig mächtig waren.« Druck uud Verlag von F. Schuster in HerSscld.