Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1842)
- Date
- 1842-02-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Anhänger, wo und wie sein Privatstand eS ihm immer er» la«be." Dus Letztere dürfte gar Manchem zu emphatisch klmgen, und gerade Das ist das Ziel unserer Darstellung. ES sind zwei große Strebepunkte, zwei Fragen, welche beide m England schon, wenn auch nur leise, angeregt worden, beide gleich große Aufgaben unserer Zeit. Um dem Juden im Oriente Sicherheit und die Früchte europäischer Cultur für ihn dort zur Reife zu bringen, auf dem Continent aber bürgerliche Gleichstellung der Juden, ihre vollkommene Aust nähme rn den Staatsverband überall ins Weck m richten, sie nicht blos als durchgesprochene These betrachten zu lassen, bedarf eS einer jüdisch »englischen Mission ,n Syrien und emeS englisch-europäischen Vereins zur Emancipation der Juden." Diejenigen m der hannoverischen Etändeversammlung, welche bei der Berathung über das „Judengesetz" edlere Ansichten geltend machen, bleiben leider in der Minorität, -und waS die andern darüber Vorbringen, wurzelt in so be> schränkten Ansichren, Urtheilen und Befürchtungen, wie man sie lange Zerr in Deutschland nicht gehört hat. Al»o scheint die dermal ige Ständeversammlung des Königreichs Ham urwer auch hierin nicht nur von dem Geiste ihrer Vorgängerin im Jahre 1833, sondern auch von dem ihrer anderen deutschen Schwestern abzuweichen. — Darf man aber seinen Augen tränen, wenn man in einem ungarischen Blatte als eine zuverlässige Nachricht liest, daß i« Großwardnn eine Jndenfrau wegen 280 fl. W. W. die sie an den Advokaten K. t schuldete, demselben zur Sclavin übergeben wurde, wenn auch im Sinne des Gesetzes nur auf 15 Tage? Traurig ist noch der Zustand der Israelitin in Bukarest. Sie sind aus zwei ganz heterogenen Elementen zusammengesetzt. Die einen, die gewöhnlichen polnischen Juden, sind größtentheils Handwerker und stehen auf einer sehr niedrigen Cultmstufe; die anderen, die sogenannten Franken oder Spaniolen, kleiden sich in der Landestracht und sprechen unter sich eine spanisch-kasiilische Mundart. Es gibt unter ihnen weise und angesehene Familien, doch mangelt ihnen jene unverkennbare Grandezza, die den Portugiesen eigen »st. Das Interesse für den Fortschritt ist bei beiden Theilen noch gar nicht erwacht, und an Schulbildung, regelrechte Erziehung und rituelle Reform ist nicht zu denken. Ueber d»e den Juden in Preußen angeblich einzuräumenden Corporanonsrechte hat Dr. I. Weil sich m dem Frankst Journal aus eine so gediegene und kräftige Weise .»ernehmen lassen, daß wir es uns nicht versagen können, den ganzen Aufsatz in die Spalten unseres Blattes überzutragen: „Oeffentliche Blätter berichten: man sei setzt in Preuße« damit beschäftigt, eine umfassende Gesetzgebung für die Juden ausr»arbeiten, welche in sehr wohlwollendem Sinne entworfen sei. Man werde ihnen nämlich mehrere Rechte einräumen, SS die ihnen bisher versagt gewesen, dabei aber ron dem Ge, sichtspunkte ausgehen: sie, als eine besondere, a ich in andern Angelegenheiten als denen des Cultus in sich geschlossene, Genossenschaft zu organisiren, und so selbst deS Militärdienstes zu entheben- Wir lassen eS dahin gestellt sein, in wiefern diese Berichte gegründet sind. Der wahrhertliebende Monarch, der eben erst erklärte: er verbiete zwar aufregende, wünsche aber frennüthige Besprechung der öffentlichen Angelegenheiten, hat hierdurch gewissermaßen selbst aufgefordert, Grundsätze, die mehr oder minder als Grundlagen einec künftigen Gesetzgebung an, gegeben werden, mit Ernst zu prüfen, und sich darüber, nach bester tteberzeugung auszusprechen. Die Frage scheint uns nämlich eine Bedeutung zu haben, die weit gröper ist, alS sie denjenigen scheinen möchte, welche eine kleine Minorität im Staate kaum der Beachtung werth halten. Das Prinzip, nach welchem religiöse und andere Genossenschaften im Staate zu abgeschlossenen Corpor.Nonen, mrr eignen Vorrechten und eignen Pflichten organisirt werden, sieht dem entgegen, welches zwar Gliederungen, aber keine selbstständige Organismen im Staate zuläßt. Letztere werden in diesem Systeme gewissermaßen als Staaten im Staate betrachtet, die ein eignes Interesse Hervorbringen, welches als Zunft-, als Kastengeist, alö Esprit de (Jorp* ober wie man eS sonst nennen mag, der Theilnahme an dem großen Ganzen durch Zersplitterung, und nicht selten durch eigenrliches Entgegentreren be>.etttei>den Abbruch thut. Selche Einrichtungen scheinen, nach dieser Ansicht, zwar von Nutzen m der Kindheit der Staaten, wo die einzelnen Elemente des Staatslebenö noch theils geschaffen, theils ausge« bildet, theils durch gegenseitige Opposition neutralrsirr werden sollen, würden aber in Ländern, wo hohe Bildung herrscht, nur dazu dienen, die Gesinnungen und Gefühle für das allgemeine Vaterland zu verengen, ja zu ersticken- Die Autonomie, welche ,m Mittelalter der Judenschaft wie so vielen andern Genossenschaften zustand, war im Einklänge mit der ganzen Gesetzgebung jener Zeit, mit dem Feudalwesen, welches hohen und niedern'Adel, Zünfte u»d Gewerke, Bauern, und Bürgerstand, Kirchen- und städtisches Wesen selbstständig schloß. In unserer Zeit würde dergleichen die nationalen Interessen eben so sehr als das monarchische Prinzip dem Widerspruche, und nicht selten dem Widerstande engherzigen Kastengeistes auSfeße». DaS beste aber, waS unsere Zeit gewonnen hat, ist eben die Idee der großen vaterländischen'Einheit, welche al'en ParticulariemuS überragt und aufhebt. Warum hat, in der nächst vergangenen Zeit, bei aller Verschiedenheit der Ansichten und Parteien, doch die bloße Möglicl'keit einer feindlichen Ucberziehung deS Vaterlandes, alle 'Söhne Deutschlands in gleiche Entrüstung versetzt, zu gleicher Hingebung begeistert? Darum weil bei allen, gegründeten und ungegründeten, Klagen, doch das Gefühl, 'Ern Volk zu gründen, immer mehr die Brust der Deutschen durchdringt, wahrend früher jeder Stand, zede Kaste, jede ReligionSpartei einen kleinen Staat bildete, der sich wert mehr berufen fühlte, für sich, als für das große Gante zu wirken. Darum haben nach unserer innigen Ueberzeugung alle Autonomien, im Sinne ei-er füryeren;<df, ,n der jetzigen den unermeßlichen Nachtheil, daß sie aufs neue spalten, was noch immer nur zu lose vereint ist, und daß sie so die Oberherrschaft deS Staates nicht minder g«, fäyrden alö die eigentlich nationalen Interessen." _(Fortsetzung folgt.)_ Berichtigung: S. 28 Z. 34 v. o. lies „unversöhnlichen" statt „ungewöhnlichen." Druck und Verlag von F. Schuster in Heröfeld.