Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1842)
- Date
- 1842-01-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 konnten wir, m so fern von einer Abwägung des schuldigen DankeS gesprochen werden sollte, zunächst fragen: Kann daS jetzige Iudenthum dem jetzigen Ehristertthume mehr zu verdanken haben, als die entstehende christliche Religion dem ihr vorhergegangenen und zur Basis dienenden Iudenthume, -aS mrtten in einer Welt von Heiden, durch zwei Jahrtausende, die jetzt christlich gewordenen Lehren bewahrt, sie oft im blutigen Märtprerthume mit Makkabä'ischem Geist und Echwerdre für die Menschheit vertheidigt hat? Kann des Reuen, daS wir aus dem neuen Testamente entnehmen sollen, in der That mehr sein, als dieses aus dem alten entnommen hat? Enthält daS neue Testament, oder sollte eS seiner Tendenz nach die Lehren der Religion und Moral vollständig enthalten? Muß nicht noch immer auf daS alte zurülkgegangen werden? Ja, ist nicht die Grundlage des christlichen Unterrichts der altteftamentliche Dekalog? — Aber nein! wir wollen nicht so strenge mit einander rechten! Was uns gegeben ist, daS ist auch Euch gegeben, und er ist «ns Seligkeit zu denken, -aß Ihr es annahmt, die wir mit vollem Herzen al§ unsere Brüder, ja wie uns selbst lieben. Lasset unS vielmehr mit unserm gemeinschaftlichen Danke uns zu Dem erheben, der, nach der Lehre MosiS und der Propheten, alle Menschen und Völker gleich l ebet und darum auch uns solche unbeschränkte Liebe, selbst gegen Heiden, geboten hat. *) Denn auch daS auserwählte Volk nennen wir unS nur im historischen Sinne, als die zuerst zur Erkenntniß Elngegangenen, nicht in dem Sinne einer parteiischen Bevorrechtung, und auch der Heide, der Aufmerksamkeit auf das Gesetz wendet, ist uach dem Thalmud „gleich wie der Hohepriester," (Ir. Sanhedrin 59, 1) UNd die Frommen aller Völker haben Artthell am seligen Leben. (Sanhedrin 96, 1) Wre sollten wir nun nicht gern und freudig bekennen, tu so weit Theil zu nehmen an dem Herle des Ehristenthums, «ls wir jetzt unter Brüdern leben, die un§ in unserm Glauben begreifen können, die religiös-sittlich mit uns dieselbe Sprache reden- Denn — und dies können wir ferner vicht umhin, in Liebe frei auszusprechen — die Lehre, die Mit dem Christenthum in der Menschheit einheimisch ward, die mit ihrer moralischen Macht so segensreich alle Verhältnisse burchdringt, sie ist wesentlich zugleich auch die jsra, elitjsche Lehre, die noch nicht erstarret, noch in voller kebenskraft und Frische zu wirken im Stande ist, wo sie nach dem ihr inwohnenden wahrhaft göttlichen und reinen Geiste begriffen und gelehrt wird. Wenn wir die höchsten Sätze einer geläuterten Moral vortragen, von den Tröstungen einer heiligen Zuversicht sprechen, so wähne« Christlich-Gläubige hie Lehren ihrer Religion zu vernehmen. Aber wir sind uns dabei wohl bewußt, Nichts zu sagen, waö unfern GlaubenSquellen fremd, nicht dem Geiste und dem klaren Ausdruck *) 5 Buch Mos. 10. 17 91. unserer heiligen Schriften gemäß wäre, jenem Geiste ewiger Erlösung, der sich in ihnen gleichfalls (wenn auch rm israelittsch dogmatischen Sinne) uns offenbaret. Allerdings ist dies eben ein Gegenstand des Streites, und wir trage« selbst, durch unser, die gemeinschaftlichen Interessen der Wahrheit verrathendes Schweigen die meiste Schuld, wenn noch immer in so vielen Schriften daS alte Testament mit einem Knechtsdienste dem neuen als tcr Lehre der Liebe entgegengestellt wird, um auf diese Weise den ethischen Fortschritt und die Erziehung des AtenschengefchlechtS darzuthun. Wir aber behaupten, daß jener Gegensatz gar nicht existire, daß dieser Fortschritt zwar in dem sich allmahlig veredelnden Menschengeschlechte, aber nicht in der göttlichen te« lehre Statt sinden könne. Wir können es nicht denken, wie je eine Lehre über jene Grundprincipien hmausgehe» möchte: Liebe Gott mit ganzem Herzen, ganzem Leben, alle» Kräften. Sei heilig, wie Gott es ist! Se, gottähnlich, zumal l« der Liebe! Betrachte jede«, auch den Nicht-Israeltte«, auch deinen heidnischen Knecht und deine Magd, auch deinen Feind, als -einen Mitmenschen, als Gottes Krnd und Ebenbild, und liebe ihn wie dich selbst!" Wir schließen die Tageögeschichte mit einer sehr erfreulichen Nachricht aus Frankreich. In der Synagoge zu Marseille ist nämlich durch die Bemühung des Oberrab» binen Cohen Choralgesang mit Orgelbeglettung eingeführt worden. — Derselbe sagte in ferner Einweihungsrede u. A. hierüber: „Die Begleitung eines Instrumentes wird jetzr nothwendig, und warum sollten wir es nicht annehmen, da eS der große weirläusige Religions-Ccdex nicht verbietet? Oder vielmehr richtiger ausgedrückt, warum sollten wir nicht das annehmen, was andere Eulte erst von unserm entlehnt haben? Denn jedermann weiß, daß von Moses bis zur Zer« störung des Tempels unsere religiösen Gesänge von Instrumenten begleitet wurden, nur während der ersten Gefangenschaft hingen unsere Voreltern ihre Harfen an die Weiden und weigerten sich, ihre schönen Gesänge auf fremden Boden erschallen zu lassen. Nun aber frage ich, welcher fran.osische Israelit würde heute ftin Vaterland verläugnen und sich auf fremden Boden glauben?" Gebe Gott, daß eine solche Sprache auch bald in anderen Synagogen vernommen werde! Bekanntmachung. Bei I. F. Baerecke in Eisenach rft erschienen und bei F. Schuster in Hersfeld und Homberg zu haben; Predigten, Confirmations-, Trau- und Schul - Einführungs - Reden von Br. M. H-ß, Großhqogt. Weimar,'chen Land-Rabbincn;« Stadt Lengjfew. Erste Sammlung. Die zweite Sammlung.dieser sehr günstig aufgenom« menen Vorträge erscheint demnächst. Druck und Verlag von §. Schuster in Hersfeld.