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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-08-22 · Heft 44 (22.8.1841) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 44 (22.8.1841)
Date
1841-08-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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176 terstützt die Regierung die Bestrebungen des wackern Landrabdiners Holdheim, und auch die Gemeinde kommt ihm mit Bereitwilligkeit entgegen. Am ersten Tage des Pesachfestes ertönte Choralgesang in der Synagoge zu Schwerin. Gottesdienst und Predigt wurden hierdurch auf das Feierlichste gehoben, und es begrüßte mit wahrer Begeisterung die ganze Gemeinde diese Neuerung. Auch Güstrow erhält in seinem künftigen Religionslehrer bald einen Prediger, und wird sich ebenfalls in der nächsten Zukunft eines geordneten Gesanges beim Gottesdienste erfreuen. Desgleichen hat die Gemeinde in Schwerin an der Wartha lim Großherzogthum Posen) mehrere Verbesserungen eingefiihrt. Spnagogen-Jnspektoren wachen über Ordnung und Ruhe während des Gottesdienstes, damit die Andacht nicht durch Schreien, Plaudern und andere unschickliche Willkurlichkcitcn Einzelner gestört werde. Der Vorbetcr darf nicht, wie bisher, durch beliebige Melodien die Gebete entweihen, sondern muß, nach bereits vorhandenen mustergiltigen Vorbildern, mit gehörig eingeübtem Choralgesang seine Funktion verrichten. Die Versteigerung der Tora- Funktionen, die -pvst? und D'2Vn — mit wenigen Ausnahmen — und das eben so unanständige als lärmende Abklopfen der von Frauen und Kindern in der Synagoge sind abgeschafst. Das pp der welches bisher ein widerliches Durcheinandcrschrcicn war, geschieht jetzt in einer eingcübtcu barmonischen Gesangweise, und cs ist wirklich bcmerkenswerth, daß 70jährige Greise es nicht gescheut haben, sich den nöthigen Uebungen freiwillig anzuschließen, und jetzt das ihnen zur Erkcnntniß gebrachte Bessere dem mit ihnen Gealterten vorziehen. Auch in einer anderen großen orthodoxen Gemeinde, in Halberstadt, ward am ersten Tage des Pessach-Festes die deutsche Predigt beim Gottesdienste eingeführt. H. Heine über den Mesfias der Juden. *) Da^machen doch die Juden sich eine weit bessere Vorstellung von ihrem Mesfias, und vor vielen Jahren, als ich in Polen war und mit dem großen Rabbi Manasfi ben Naphtali zu Krakau verkehrte, horchte ich immer mit freudig offenem Herzen, wenn er von dem Messias sprach ... Ich weiß nicht mehr, in welchem Buche des Thalmuds die Details zu lesen sind, die mir der große Rabbi ganz treu mittheilte, und überhaupt nur in den Gründzügen schwebt mir seine Beschreibung des Messias noch im ') Wir hoffen, daß dieses Heinc'schc Produkt wegen seines bczichungsreichen Inhalts auch sur unsere Leser nicht ohne Interesse sein «erde- Red. Gedächtnisse. Der Messias, sagte er mir, sei an dem Tage geboren, wo Jerusalem durch den Bösewicht Titus Bespasian, zerstört worden, und seitdem wohne er im schönsten Palaste des Himmels, umgeben von Glanz und Freude, auch eine Krone auf dem Haupte tragend, ganz wie ein König . . . aber seine Hände seien gefesselt mit goldenen Ketten! WaS, ftug ich verwundert, was bedeuten diese goldenen Ketten? „Die sind nothwendig," — erwiderte der große Rabbi, mit einem schlauen Blick und einem tiefen Seufzer — „ohne diese Fessel würde der Messias, wenn er manchmal die Geduld verliert, plötzlich herabeilen und zu frühe, zur Unrechten Stunde, das Erlösungswerk unternehmen. Er ist eben keine ruhige Schlafmütze. Er ist ein schöner, sehr schlanker, aber doch ungeheuer kräftiger Mann, blühend wie die Jugend. Das Leben, das er führt, ist übrigens sehr einförmig. Den größten Theil des Morgens verbringt er mit den üblichen Gebeten, oder lacht und scherzt mit seinen Dienern, welche verkleidete Engel sind, und hübsch singen und die Flöte blasen. — Dann läßt er sein langes Haupthaar kämmen und man salbt ihn mit Narden, und bekleidet ihn mit einem fürstlichen Purpurgewande. Den ganzen Nachmittag studirt er die Cabbala. Gegen Abend läßt er seinen alten Kanzler kommen, der ein verkleideter Engel ist, eben wie die vier starken Staatöräthe, die ihn begleiten, verkleidete Engel sind. Aus einem großen Buche muß alsdann der Kanzler seinem Herrn vorlesen, was jeden Tag passirte ... Da kommen allerlei Geschichten vor, worüber der Messias vergnügt lächelt, oder auch mißmuthig den Kopf schüttelt . . . Wenn er aber hört, wie man unten sein Volk mißhandelt, dann gcräth er in den furchtbarsten Zorn und heult, daß die Himmel erzittern . . . Die vier starken Staatöräthe müssen dann den ergrimmten zurückhalten, daß er nicht herabeile, auf die Erde und sie würden ihn wahrlich nicht bewältigen, wären seine Hände nicht gefesselt mit den goldenen Ketten . . . Man beschwichtigt ihn auch mit sanften Reden, daß jetzt die Zeit noch nicht gekommen sei, die rechte Rettungsstunde, und er sinkt.am Ende aufs Lager und verhüllt sein Antlitz und weint . . .„ So ungefähr berichtete mir Manasse ben Naphtali zu Krakau, seine Glaubwürdigkeit mit Hinweisung auf den Thalmud verbürgend. Ich habe oft an seine Erzählungen denken müssen, besonders in den jüngsten Zeiten, nach der Jrrliusrevolution. Ja, in schlimmen glaubt ich manchmal mit eigenen Ohren ein Gerassel zu hören, wie von goldenen Ketten, und dann ein verzweifelndes Schluchzen ... O verzage nicht, schöner Messias, der du nicht blos Israel erlösen willst, sondern die ganze leidende Menschheit! O, zerreißt nicht ihr goldene Ketten!. O, haltet ihn noch einige Zeit gefesselt, daß er nicht zu frühe komme, der rettende König der Welt! Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Poftamte in Meiningen und der Kesselring'schen Hofbuchhandlung zu Hildburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen, Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druck von Döll und Schäffer in Kassel.

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