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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-06-20 · Heft 35 (20.6.1841) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 35 (20.6.1841)
Date
1841-06-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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140 spalt und leider auch Leidenschaft und Animosität genug getragen wird? Gibt cs nicht Fragen, welche, wiewohl nicht an und für sich religiöser Natur, doch mit Religionsfragen aufS engste verwoben sind? Ja, gilt dieß nicht von unserer ganzen innern Politik? Wenn wir auf England blicken, hatten wir da nicht die Kirchensteuerfrage, und haben wir sie nicht annoch? Hatten wir nicht die Fragen der Volksschulen und der Kirchenausdehnung, und haben wir sie nicht noch fetzt? Wenn wir auf Schottland blicken, ist die Ernennung der Geistlichen in der dortigen Staatskircbe nicht eben fetzt die Frage, welche das politische und gesellschaftliche Leben der Schotten am tiefsten bewegt? Irland brauche ich leider gar nicht zu erwähnen, denn fedcrmann weiß, wie mächtig dort die religiösen Differenzen auf die staatlichen Dinge einwirkcn, und mit wie unermeßlichen Schwierigkeiten daher die Legislatur in Bezug auf Irland immer zu kämpfen hatte und noch hat. Man sagt indessen: da ihr die Römischkatholischen nicht nur zu Gemeindeämtern, sondern auch ins Parlament belassen habt, so müßt ihr den Juden die gleiche Vergünstigung erzeigen. Ich antworte: mit Nichten. Die römischen Katholiken sind, aller Meinungsverschiedenheit im Einzelnen ungeachtet, durch das allgemeine Band des Christenglaubens mit uns vereinigt, sie glauben mit uns an den Erlöser und die Erlösung; das ist nicht der Fall bei den Juden. Zudem war eine noch längere Ausschließung der Millionen römischer Katholiken von den Rechten unserer Verfassung unthunlich geworden, wäre auch ungerecht gewesen, da sie Jahrhunderte lang unter dem Druck der englischen Gesetzgebung gelitten. (Hört, Hört! von der ministeriellen Seite.) Der Druck galt theils ihrer Confession, theils ihrer Heimath. (Hört!) Ein Anderes ist es mit den Juden. Ihre Zahl ist so klein — kaum 18,0W im ganzen Lande — sie verschwinden so in der Masse unserer Staatsgesellschaft, daß nicht, wie bei den Katholiken, die dringende Nothwcndigkcit vorliegt, eins von den Prineipien unserer Verfassung aufzugeben, um sie, erst in die Gemeindeämter, und bald darauf ins Parlament zu belassen, damit sie hier, die Nichtchristen, über die Angelegenheiten eines christlichen Staatshaushattes mitsprechen und mitstimmen. Vermöge ihrer Anzahl und Stellung, wie gesagt, haben die Juden kein moralisches Gewicht in unserer Gesellschaft, und was ihre Interessen betrifft, so ist mir unbekannt, daß sie in England über irgend einen Druck zu klagen hätten. Es fehlen ihnen bloß die politischen Rechte. (Ironisches Hört!) Wenn erst der Religions- Unterschied kein Grund mehr sein darf zur Disqualisieation eines Engländers, dann gibt cs gar keinen mehr. (Bedeutsames »Hört!" von Hrn. Hume.) Ja, wenn es gleich gelten soll, ob ein Mensch Juv oder Christ ist, dann will ich noch lieber von aller Vermögensqualification für gemeindliches und parlamentarisches Wahlrecht adsehen, denn die Religion ist doch wohl wichtiger als der Steuerfuß. (Hört!) Also noch einmal! England ist ein christlicher Staat, und ich hoffe, er soll es bleiben, denn im Christcnthum ruhen die starken Wurzeln unserer Kraft; diese Bill aber rührt an das Grundprincip unseres Staats, und darum trage ich darauf an, daß sie heute über sechs Monaten zum drittenmale gelesen (verworfen) werde." Hr. Pringle (Presbyterianer unterstützte das Amendement mit ächt schottischem Glaubenseifer. Die Bill bezeichnete er als eine Verletzung der Constitution, das füdische Volk als eine Art von National-Ahasverus, welcher zur Strafe für ein ungeheures Nationalverbrechen irre wandte auf Erden, und ein höheres Geschick zu erfüllen habe, als von einem Parlament ihm bestimmt werden könne. (Schl, f.) Der Rabbi von Bacherach. (Schluß.) geSufer, worauf die Freude wächst, immer geschieht »S, daß auch der betrübteste seltsam beruhigt wird, wenn er in der Frühlingsnacht, in einem leichten Kahne, leicht dahin fährt auf dem lieben, klaren Nheinstrom. Wahrlich, der alte, gutherzige Vater Rhein kanns nicht leiden, wenn seine Kinder weinen; thränenstillend wiegt er sie auf seinen treuen Armen, und erzählt ihnen seine schönsten Mährchcn und verspricht ihnen seine goldigsten Schätze, vielleicht gar den uralt versunkenen Niebclungshort. — Auch die Thränen verschönen Sara flössen immer milder und milder, ihre gewaltigsten Schmerzen wurden fortgespült von den flüsternden Wellen, die Nacht verlor ihr finsteres Grauen, und die heimathlichen Berge grüßten wie zum zärtlichsten Lebewohl. Alsbald kams ihr vor als setzte man sie auf das kleine Bänkchen, vor dem Samnttsessel ihres Vaters, der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt mit den Augen lachte, und sich behaglich hin und her wiegte in feinem weiten, blauseidenen Sabvathschlafrock ... Es mußte wohl Sabbath sein, denn die geblümte Decke war über den Tisch gespreitet, alle Geräthe im Zimmer leuchteten, spiegelblank gescheuert. Auch der kleine Abraham kam herein, mit einem allmächtig großem Buche, und bat bescheiocndlich seinen Oheim um die Erlaubniß, einen Abschnitt der. heiligen Schrift erklären zu-dürfen, damit der Oheim sich selber überzeuge, daß er in der verflossenen Woche viel gelernt habe und viel Lob und Kuchen verdiene . . . Dämmernd zogen diese Bilder durch die Seele der schönen Frau, sie sah, wie sie und ihr kleiner Vetter, d.r jetzt so groß und ihr Mann geworden, kindisch mit einander in der Laubhütte spielten, wie sie sich dort ergötzten an den bunten Tapeten, Blumen, Spiegeln und vergoldeten Aepfeln, wie der kleine Abraham immer zärtlicher mit ihr koste, bis er allmählig großer und mürrischer wurde, und endlich ganz groß und ganz mürrisch . . . Und endlich sitzt sie zu Hause allein in ihrer Kammer eines Samstags-Abend, der Mond scheint hell durch das Fenster, und die Thür fliegt auf, und hastig stürmt herein ihr Vetter Abraham, in Reisekleidern und blaß wie der Tod, und er greift ihre Hand, steckt einen goldenen Ring an ihren Finger und spricht feierlich: „ich nehme dich hiermit zu meinem Weibe, nach den Gesetzen von MoseS und Israel!" „Jetzt aber" — setzt er bebend hinzu — „jetzt muß ich fort nach Spanien, Lebe wohl, sieben Jahre sollst Du auf mich warten!" Und er stürzt fort, und weinend erzählt die schöne Sara das alles ihrem Vater . . . Der tobt und wüthet „schneid ab dein Haar, denn du bist ein verheirathctcs Weib!" — und er will dem Abraham nachreiten um einen Scheidebrief von ihm zu erzwingen; — aber der ist schon über alle Berge, der Vater kehrt schweigend nach Haus zurück, und wie die schöne Sara ihm die Reitstiefeln ausziehen hilft und besänftigend äußert, daß der Abraham nach sieben Jahren zurückkehre, da flucht der Vater: „sieben Jahre sollt ihr betteln gehen!" und bald stirbt er. So zogen der schönen Sara die alten Geschichten durch den Sinn, wie ein hastiges Schattenspiel; die Bilder vermischten sich auch wunderlich, und zwischendurch schauten halb bekannte, halb fremde bärtige Gesichter und große Blumen, mit fabelhaft breitem Blattwerk. Es war auch als murmelte der Rhein die Melodien der Agadah. — Als die schöne Sara die Augen aufschlug, ward sie fast geblendet von den Strahlen der Sonne. Die hohen Thürme einer großen Stadt erhoben sich, und der stumme Wilhelm stand mit der Hackenstange aufrecht im Kahne und leitete denselben durch das lustige Gewühl. „Ja schöne Sara" — sagte der Rabbi zu seiner Frau, heiter lächelnd — „das ist hier die weltberühmte freie Reichs-Handelsstadt Frankfurt am Main und das ist eben der Mainfluß worauf wir jetzt fahren. *) Sei es nun durch den einförmigen Rudcrschlag, oder durch daS Schaukeln des Fahrzeugs, oder durch den Duft jener Ber- ') Der Verfasser bricht diese Legende, nachdem er noch einige, »nsere Leser nicht interessirende Kapitel angefuqt. mit den Worrten ab. daß der Schluß und die folgenden Kapitel ohne Verschulden de« Autor« verloren gegangen seien. Red. Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kesselring'schen Hofbuchhandlung zu Hildburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druck von Döll und Schaffer in Kassel.

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