Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1841-06-06 · Heft 33 (6.6.1841) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
2 (1840-1841)
Issue
Heft 33 (6.6.1841)
Date
1841-06-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2566752-2566786--0170-2567758
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

132 Beschränkung alle Bürgerrechte erhalten. Da eS an Inländern für diese Stellen fehlt, so will mau Deutsche berufen und bereits ist an Dr. Zunz in Berlin die Einladung ergangen, die Stelle eines Professors der Theologie anzunehmen. Nach einem Ausspruche des Krakauer Rabbiners wäre der schon ein Ketzer (Apikores) der die Zeit des Judenthums!! u. dergl. in seinem Zimmer hält, wogegen er es löblich findet, wenn die Eltern ihre Kinder nicht in die neu errichtete Normalschule schicken. Solche Erleuchtung des geistlichen Oberhauptes muß denn auch in der Gemeinde Früchte tragen, und wird als Beleg hiezu angeführt, daß manche es als das Höchste ansehcn, stundenlang auf die nutzloseste Weise über Thalmud und Poskin zu brüten, während sie das Studium der Bibel als profan ansehcn, und daß kürzlich ein durchreisender Magid, der eine Derascha gehalten von den anwesenden Vornehmen trotz seiner vielseitigen thalmudischen Kenntnisse deshalb mit Verachtung behandelt wurde, weil er in seiner Rede einer exegetischen Auslegung von Wesselp erwähnte. Auch in Constantinopel behauptet die israelitische Secte der Karaitcn fich in ihrem allgemeinen Rufe der Biederkeit, Rechtschaffenheit und Thätigkeit. Ihre Spnagoge hat ein Vorzimmer mit Teppichen belegt, der Boden der eigentlichen Spnagoge ist aber vollständig mit den kostbarsten türkischen Shawls bedeckt. Sie betreten die Spnagoge nur auf den Strümpfen, und sobakd fie hineingekommen, knien sie eine lange Zeit nieder, und beten eine Art von HD- Ihre Gebete find nur eine Zusammensetzung von Stellen der heiligen Schrift, und find eine Menge Stellen bezeichnet, bei denen niedergekniet wird. So wird auch beim Herausnehmcn der heiligen Schrift von der ganzen Gemeinde niedergekniet, desgleichen spricht der zur Thora Aufgerufene den Seegen knicend, indem er dabei mit der Hand auf die Thora hinauflangt. — Ihre Thorarollen sind ganz den unsrigen gleich, nur daß sie sich in viereckigen Kasten befinden, die auseinander geklappt werden, und in denen sich das Sefer sehr bequem abrollt. Sie halten sich bekanntlich nur an das schriftliche Gesetz, am Sabbath wird aufs Strengste kein Fünkchen im Hause geduldet, und sie sitzen am Freitag Abend im Dunkeln, und frieren, wenn es vorkömmt, am Sabbath. So lassen sie sich auch Hühner in Butter gebraten trefflich munden. Sie halten nur einen Tag Festtag, und ihr Jom Kippur fällt meist einen Tag nach den unfern. Jndeß stehen auch die übrigen Juden Konstantinopels im Rufe der Ehrlichkeit, und findet man sie bei näherem Umgänge stets darin bewährt, wenigstens im Vergleiche mit den Griechen und Armeniern. In einem bekannten Sprichwort, welches Ehrlichkeitspatent austheilt, erhalten von diesen drei Nationen ein solches die Juden zuerst, alsdann die Armenier, und ganz zuletzt die Griechen. Zum Militär sollten sie Mannschaft stellen, nnd die Juden waren bereit; allein die Griechen und Armenier haben es noch Hintertrieben. Sollte es daher kommen, daß Letztere zugezogen werden, so hat sich derChacham- Baschi zur Stellung von 3000 Juden verpflichtet. — Schluß des Schreibens eines Franzosen an den Redacteur der Archiv. Jsr. Sie sind über diese Phrase, mit welcher man Ihnen nur etwas Unangenehmes unter die Nase sagen wollte, entmuthigt, und ihre Irreligiosität beklagend, geben sie diese jungen Leuten ganz auf. ... Ei wohl! sie befinden sich noch im Jrrthum. Werden sie Väter, (jene jungen Leute) so lassen sie ihrerseits ihre Söhne beschneiden; Waisen, so werden sie in den israelitischen Tempel kommen, um Hebräisch (was sie nicht verstehen), das Kaddisch-Gebet zu sagen; und wenn die über ihrem Schmerzensbette gelagerte Krankheit sie durch ein frühzeitiges Ende zu vernichten droht, so bekommen die goldenen Träume ihrer Jugend in ihrem letzten Augenblicke wieder eine solche Stärke, daß sie verlangen auf einem israelitischen Gottesacker begraben zu werden. Endlich gestatten sie nicht unter irgend einem Umstande, daß man sich über die Israeliten lächerlich mache, oder sie beschimpfe, und wenn in dem entferntesten Winkel des Orients sich eine Verfolgungssccne gegen die Juden erneuern sollte, so seien Sie gewiß, daß sich unsere jungen Leute wie ein Mann erheben werden, daß sie nichts vernachlässigen, um ihre edelmüthigen Anstrengungen mit dem Siege zu krönen, und sich mit ihren älteren Glaubensbrüdern zu einem einmüthigen Rufe der Entrüstung vereinigen werden, welcher Schande und Furcht über die Begünstiger jener feigen und fanatischen Angriffe bringen wird. Wir wollen hier nicht die Tugenden und Fehler, durch welche sich diese drei.Geschlechter unterscheiden, zurückrufen, aber das fragen wir jedem unpariheischen Richter: Ist dieses nicht vaS Bild der drei Abstufungen der israelitischen Familie in Frankreich im Jahre 1840? Der Großvater glaubt, der Vater zweifelt, und der Sohn leugnet. — Der Großvater betet hebräisch, der Vater liest das Gebet französisch und der Sohn betet gar nicht. — Der Großvater beobachtet alle Feste, der Vater feiert bloß den Versöhnungstag, der Sohn beobachtet gar keines — Der Großvater ist Jude gebliebeu, der Vater ist Israelit geworden, der Sohn ist bloß Deist ... . wofern er nicht Atheist, Fourierist oder Sanct-Simonist ist... . Gewiß es giebt überall im Lande zahlreiche Ausnahmen unter diesen drei Kategorien. Aber soll eine Reform siegen, so muß sie die Masse an sich ziehen; nun sehe ich aber die Meinungen zu zerstückelt, um zu hoffen, daß sie anders als durch den Glauben vereinigt werden können, und wer wird uns den Glauben wiedergeben? In Wahrheit, will ich Ihnen sagen, herrscht in religiöser Beziehung ein gänzlicher Abstand zwischen den Gläubigen und Ungläubigen, und soll daher die Reform, mehr sein alsein wohlklingendes Wort, (was sie wegen ihrer Hohlheit noch ist) so ist es nöthig, daß der Großvater manchen seiner allzu retrograden Ideen den Abschied gebe, daß der Vater nicht so lange den Puls der geringsten Neuerung fühle, und daß der Sohn sich nicht damit begnüge, die religiösen Ideen verschwinden zu sehen. Um zu diesem Ziele zu gelangen, giebt cs vielleicht drei Mittel: erstens der Tempel; zweitens das Weib; drittens der Unterricht, und dieses wird der Gegenstand meiner folgenden Briefe sein. Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kcsselring'schen Hofbuchhandluna zu Htldburghauscn und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druck von Döll und Schaffer in Kassel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.