Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 32 (23.5.1841)
- Date
- 1841-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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128 vung des Pöbels? Wir verstehen darunter die auf Vernunft und Gerechtigkeit bastrte Meinung der Gebildetsten und Edelsten tm Volke. Der Pöbel ist gegen jede Neuerung, und wäre es die beste und wohltätigste, namentlich wenn er seine Sonderintereffen gefährdet glaubt. Wir hegen (so schließt die Petition) das zuversichtliche Vertrauen zu Einer hohen Ständcvcrsammlung, die ja nicht das Sondcrinteresse Einzelner, sondern das Gesammtinteresse des Staates und aller seiner Angehörigen zu vertreten berufen ist, daß Hochdieselbe — erhaben über die kleinlichen Sonderinteressen und die Winkelpolitik niedriger Seelen, unzugänglich den Sophismen der Intoleranz und des Egoismus, frei von dem eiteln Streben nach jener falschen Popularität, die durch Ungerechtigkeit erkauft wird, eingedenk der von der Weltgeschichte so laut gepredigten Wahrheit: die höchste Staatsklugheit ist die Gerechtigkeit — nicht anstehen wird, das heiligste Staatsprincip, den großen Grundsatz der vollkommenen Glaubensfteiheit, die identisch ist mit vollkommener Rechtsgleichheit, auszusprechen, und in Uebereinstimmung mit der in Gerechtigkeit und Weisheit erhabenen Staatsregierung des allgeliebten Landesvaters, unseres Durchlauchtigsten Herzogs und Herrn, die Bande zu lösen, die wegen der Religionsverschiedenheit uns fesselu und die das Schicksal von 1500 treuen Unterthanen zu einem traurigen machen." Fortwährend wird das Princip der Gleichheit vor dem Gesetz, in Frankreich mit der strengsten Consequcnz durchgeführt. — Die Protestanten und Juden in Marseille kamen um Beisteuer zur Besoldung ihrer Elementarlchrer ein. Letztere sind zahlreicher als Erstere, somit erhielten diese 500, jene 1200 Frs. Ein armer Judenknabe, den ein Comitv in Marseille in einer zweckmäßigen Judustricschulc erziehen ließ, hat sich dem Grabstichel gewidmet und dieses Jahr die goldene Medaille erlangt. Der Stadtrath auf Ansuchen der jüdischen Gemeinde hat ihm 1500 Frs. auf 3 Jahre bewilligt, um sich in Italien und andern Ländern noch weiter zu vervollkommenen. Er wird zuerst nach Mailand zu Fehr gehen, dem berühmtesten, jetzt lebenden Kupfersiecher, der ebenfalls ein Israelit ist. Dieser vollendet jetzt eine Copie eines Raphaelschen Tableau's welches er bereits für 100,000 Frs. nach Paris verkauft hat. Der Rabbi von Bacherach. (Fortsetzung.) Da kam die Zeit, wo die Abendmahlzeit gehalten wird, alle standen auf um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große, silberne, mit getriebenen Goldfiguren reich verzierte Waschbecken, das sie jedem der Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwicß, blinzelte ihr dieser bedeutsam mit den Augen, und schlich sich zur Thürc hinaus. Die schöne Sara folgte ihm auf dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Hand seines Weibes, eilig zog er sie fort, durch die dunkelen Gassen BacherachS, eilig zum Thorc hinaus, auf die Landstraße, die den Rhein entlang, uach Dingen führt. Es war eine jener Frühlingsnächte, die zwar lau genug und hellgestirnt sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern er* füllen. Leichenhaft dufteten die Blumen, schadenfroh und zugleich selbstbeängstigt zwitscherten die Vögel, der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter über den dunkel hinmurmelnden Strom; die hohen Felsenmassen des Ufers schienen bedrohlich wackelnde Riesenhäuptcr; der Thurmwächter auf Burg Strahleck blies eine melancholische Weise, und dazwischen läutete, eiftig gellend, das Sterbcglöckchen der St. Wernerskirche. Die schöne Sara trug in der rechten Hand das silberne Waschbecken, ihre linke hielt der Rabbi noch immer gefaßt, und sie fühlte, wie seine Finger eiskalt waren und wie sein Arm zitterte, aber sie folgte schweigend, vielleicht weil sie von jeher gewohnt, ihrem Manne blindlings und fragenlos zu gehorchen, vielleicht auch, weil ihre Lippen von innerer Angst verschlossen waren. Unterhalb der Burg Sonneck, Lorch gegenüber, ungefähr wo jetzt das Dörfchen Niederrheinbach liegt, erhebt sich eine Felsenplatte, die bogenartig über das Rheinufer hinaushängt. Diese erstieg Rabbi Abraham mit seinem Weibe, schaute sich um nach allen Seiten, und starrte hinauf nach den Sternen. Zitternd, und von Todesängsten durchfröstelt, stand neben ihm die schöne Sara, und betrachtete sein blasses Gesicht, das der Mond gespenstisch beleuchtete, und worauf es hin und her zuckte, wie Schmerz, Furcht, Andacht und Wuth. Als aber der Rabbi plötzlich das silberne Waschbecken ihr aus der Hand riß und es schotternd hinabwarf in den Rhein, da konnte sie das grausenhafte Angstgefühl nicht länger ertragen, und mit dem Ausrufe: „Schadai voller Gnade!" stürzte sie zu den Füßen des Mannes und beschwor ihn das dunkele Räthsel endlich zu enthüllen. Der Rabbi, des Sprechens ohnmächtig, bewegte mehrmals lautlos die Lippen und endlich rief er: „Siehst du den Engel des Todes? Dort unten schwebt er über Bacherach! Wir aber sind seinem Schwerte entronnen. Gelobt sei der Herr! Und mit einer Stimme, die noch vor innerem Entsetzen bebte, erzählte er: wie er wohlgemut!) die Agade hinsingend und angclehnt saß, und zufällig unter den Tisch schaute, habe er dort, zu seinen Füßen, den blutigen Leichnam eines Kindes erblickt. Da merkte ich — setzte der Rabbi hinzu — daß unsere zwei späte Gäste nicht von der Gemeinde Israels waren, sondern von der Versammlung der Gottlosen, die sich berathcn hatten, jenen Leichnam heimlich in unser Haus zu schaffen, um uns des Kindermords zu beschuldigen und das Volk aufzurcizen, uns zu plündern und zu ermorden. Ich durste nicht merken lassen, daß ich das Werk der Finsterniß durchschaut, ich hätte dadurch nur mein Verderben beschleunigt, und nur die List hat uns beide gerettet. Gelobt sei der Herr! Aeugstigc dich nicht schöne Sara; auch unsere Freunde und Verwandten werden gerettet sein. Nur nach meinem Blute lechzten die Ruchlosen, ich bin ihnen entronnen und sie begnügen sich mit meinem Silber und Golde. Komm mit mir schöne Sara, nach einem anderen Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen, und damit uns das Unglück nicht verfolgt, habe ich ihm das Letzte meiner Habe, das silberne Becken, zur Versöhnung hingcworfen. Der Gott unserer Väter wird uns nicht verlassen. — Komm herab du bist müde, dort unten steht bei seinem Kahne der stille Wilhelm, er fährt uns den Rhein hinauf. Lautlos und wie mit gebrochenen Gliedern war die schöne Sara in die Arme des Rabbi hingesunken, und langsam trug er sie hinab nach dem Ufer. Hier stand der stille Wilhelm, ein taubstummer aber bildschöner Knabe, der zum Unterhalt seiner alten Pflegemutter, einer Nachbarin des Rabbi, den Fischfang trieb und seinen Kahn hier angelegt hatte. Es war aber, als verricthe er schon gleich die Absicht des Rabbi, ja es schien, als habe er eben auf ihn gewartet, um seine geschlossene Lippen zog sich das lieblichste Mitleiv, bcdeutungstief ruhten seine großen blauen Augen auf der schönen Sara, und sorgsam trug er sie in den Kahn. Der Blick des stummen Knaben weckte die schöne Sara aus ihrer Betäubung, sie fühlte auf einmal, daß alles was ihr Mann ihr erzählt, kein bloßer Traum sei und Ströme bitterer Thränen ergossen sich über ihre Wangen, die jetzt so weiß wie ihr Gewand. — Da saß sie nun in der Mitte des Kahns, ein weinendes Marmorbild; neben ihr saß ihr Mann und der stille Wil- I helm, welche emsig ruderten.(Schluß folgt.) Wegen des Festes erscheint nächsten Sonntag dieses Blatt nicht. Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kesselring'schen Hofbuchhandlung;n Hildburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druck von Döll und Schäffer in Kassel.