Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 31 (16.5.1841)
- Date
- 1841-05-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2566752-2566784--0160-2567746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
124 und vielleicht die Zeit nicht mehr fern ist, wo sie auch die mit ihr ringenden geschichtlichen Elemente durchbrechen wird. — Zn jenem edlen Geiste ist auch die »erliegende Schrift verfast. Nachdem sie sich über die bisherigen Verhältnisse der Israeliten des Herzogthums Meiningen und Hildburghausen und die Hoffnungen, die sich dieselben nach der Verheißung der deutschen Bundesakte und des Landesgrundgesctzes von 1829 machen dursten, geäußert, weist sie nach, daß die angesprochene Rechtsgleichheit von der Religion, der Gerechtigkeit und der Staatsklugheit gefordert werde, widerlegt die aus der angeblichen Nationalität, Religion, den bürgerlichen Beschäftigungen und dem Mangel an Bildung der Juden, sowie aus der Vorstellung eines christlichen Staates und der ungünstigen öffentlichen Meinung, hcrgenommenen Einwürfe gegen die Emancipation, und schließt mit dem Vertrauen auf die Weisheit des Landesfürsten und der Ständeversammlung, daß sie die fragliche Bitte gewähren werden. Die Beweise, welche die sehr schön geschriebene Schrift aus der Theorie und Erfahrung anführt, sind auch so überzeugend, daß sie gewiß die beste Wirkung hervorbringen wird. Uns ist es aber ein angenehmes Geschäft, den Lesern dieses Blattes die interessantesten und ansprechendsten Stellen wörtlich mitzutheilen. (Schluß folgt.) Dem würdigen Landrabbinen Friedländer in Brilon ist von der Königl. Regierung in Arensberg durch den Obervorsteher Hellwitz eine Belobung über die von ihm veranstaltete würdige Feier des Huldigungsfestes erthellt worden. Der Rabbi von Bacherach. (Fortsetzung) Im großen Saale seines Hauses, auf einem erhabenen Sessel, saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen Anverwandten, Schülern und übrigen Gästen beging er die Abendfeicr des Paschahfestes. Die schöne Sara, die auf einem Ebenfalls erhabenen Sammetsessel an seiner Seite saß, sah beständig nach dem Gesichte ihres Mannes; dann und wann schaute sie auch nach der vor ihr liegenden Agade, dem hübschen, in Gold und Sammt gebundenen Pergamentbuche, einem alten Erbstück mit verjährten Weinflecken aus den Zeiten ihres Großvaters, und worin so viele keck und bunt gemalte Bilder, die sic schon als kleines Mädchen am Pascha-Abend so gerne betrachtete. Der zweite Becher war schon eingeschcnkt, die Gesichter und Stimmen wurden immer Heller, und der Rabbi, indem er eins der ungesäuerten Oster- Dröde ergriff und heiter grüßend empor hielt, las er folgende Worte aus der Agade: »Siehe das ist die Kost, die unsere Väter in Egypten genossen.' Zeglichcr den es hungert, er komme und genieße! Jeglicher der da traurig, er komme und theile unsere Paschahfteude! Gegenwärtigen Jahres feiern wir hier das Fest, aber zum kommenden Jahre im Lande Israels! Gegenwärtigen Jahres feiern wir es noch als Knechte, aber zum kommenden Jahre als Söhne der Freiheit!" Da öffnete sich die Saalthüre, und herein traten zwei große blaffe Männer, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der Eine sprach: »Friede sei mit Euch, wir sind reisende Glaubensgenossen und wünschen das Paschafest mit Euch zu feiern.« Und der Rabbi antwortete rasch und freundlich: »Mit Euch sei Frieden, setzt Euch nieder in meiner Nähe.» Die beiden Fremdlinge setzten sich alsbald zu Tische und der Rabbi fuhr fort im Vorlesen. Manchmal, während die Uebrigen noch im Zuge des Nachsprechens waren, warf er kosende Worte nach seinem Weibe, und anspielend auf den alten Scherz, daß ein jüdischer Hausvater sich an diesem Abend für einen König hält, sagte er zu ihr: »Freue Dich, meine Königin.» Sie aber antwortete wehmüthig lächelnd: „es fehlt uns ja der Prinz," und damit meinte sie den Sohn des Hauses, der, wie eine Stelle in der Agade es verlangt, mit vorgeschriebenen Worten seinen Vater um die Bedeutung des Festes befragen soll. Der Rabbi erwiderte nichts und zeigte blos mit dem Finger nach einem eben aufgeschlagenen Bilde in der Agade, wo überaus anmuthig zu schauen war: wie die drei Engel zu Abraham kommen, um ihm zu verkünden, daß ihm ein Sohn geboren werde von seiner Gattin Sara, welche unterdessen weiblich-pfisfig hinter der Zeltthüre steht, um die Unterredung zu belauschen. Dieser leise Wink goß dreifaches Roth über die Wangen der schönen Frau, sie schlug die Augen nieder, und fad dann wieder freundlich empor nach ihrem Manne, der singend fortfuhr im Vorlescn der wunderbaren Geschichte: wie Rabbi Josua, Rabbi Elieser, Rabbi Asaria, Rabbi Akiba, und Rabbi Tarphen in Bona (?) Brak angelehnt saßen und sich die ganze Nacht vom Auszuge der Kinder Israel aus Egypten unterhielten, bis ihre Schüler kamen und ihnen zuriefen, cs sei Tag und in der Synagoge verlese man schon das große Morgengebct. Derweilen nun die schöne Sara andächtig zuhörte, und ihren Mann beständig ansah, bemerkte sie, wie plötzlich sein Antlitz in grausi'ger Verzerrung erstarrte, das Blut auf seinen Wangen und Lippen verschwand, und seine Augen wie Eiszapfen hervorglotzten, aber fast im selben Augenblicke sah sie, wie seine Züge wieder die vorige Ruhe und Heiterkeit annahmen, wie seine Lippen und Wangen sich wieder rötheten, seine Augen munter umherkrcisten, ja, wie sogar eine ihm sonst ganz fremde tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff. — Die schöne Sara crschrack, wie sie noch nie in ihrem Leben erschrocken war, und ein inneres Grauen stieg kältend in ihr auf, weniger wegen der Zeichen von starrem Entsetzen, die sie einen Moment lang im Gesichte ihres Mannes erblickt hatte, als wegen seiner jetzigen Fröhlichkeit, die allmälig in jauchzende Ausgelassenheit überging. Der Rabbi schob sein Barett spielend von einem Ohr nach dem andern, zupfte und kräuselte possirlich seine Bartlockcn, sang den Agadetert nach der Weise eines Gassenhauers, und beider Aufzählung der egypttschen Plagen, wo man mehrmals den Zeigefinger in den vollen Becher eintunkt und den anhängenden Weintropfen zur Erde wirft, bespritzte der Rabbi die jüngeren Mädchen mit Rothwein, und es gab großes Klagen über verdorbene Halskrausen und schallendes Gelächter. Immer unheimlicher ward es der schönen Sara bei dieser krampfhaft sprudelnden Lustigkeit ihres Mannes, und beklommen von namenloser Bangigkeit, schaute sie in das summende Gewimmel der buntbeleuchtenden Menschen, die sich behaglich breit hin und her schaukelten, an den dünnen Paschabrodcn knapperten, oder Wein schlurften, oder mit einander schwatzten, oder laut sangen, überaus vergnügt. (Fortsetzung folgt.) Berichtigung. S. 116, Sp. 1, Z. 26 v. o. muß cs heißen: „das Wissen" statt: „Wissen". Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kesselring'schen Hofbuchhandlung zu Hildburghausen und Mr in in gen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druck von Döll und Schäffer in Kassel.