Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 29 (2.5.1841)
- Date
- 1841-05-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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116 Fortsetzung des Schreibens eines Franzosen an den Redacteur der Archiv Isr. *) Drei Geschlechter befinden fich in diesem Augenblicke Ln Frankreich im bürgerlichen Leben, das erste Hat noch die tiefe Verachtung, mit welcher die Franzosen, vor der Zeit der constituirenden Versammlung, den Namen des Juden behafteten, gesehen; das zweite, Zeitgenosse des Kaiserreiches, hat unter den Fahnen gekämpft und fich in den damaligen Ereignissen ausgezeichnet; das dritte hat in den Collegen der Restauration die Ideen der Unabhängigkeit des Geistes und des Charakters eingesogen, welche es seit der Revolutton von 1830 in Ausführung zu bringen suchte. Diese drei Geschlechter find so verschieden unter fich, als wenn drei Jahrhunderte fie trennten. Die Alten glauben immer noch, unter der Ausnahms-Regierung zu leben, in der Politik hat der Handel ihre Ideen eingesogen, blinder Glaube, dieser Trost in bösen Tagen, ist ihnen ein Bedürfniß geblieben. Das Geschlecht des Kaiserreichs hat eine sehr nette Idee über seine Rechte und Pflichten, aber der passive Gehorsam des Soldaten und die Vorurtheile des Spekulanten haben seinem Charakter etwas Vages und Ungewisses eingeprägt, während der religiöse Jndifferentismus jener Epoche fich seines Geistes bemächtigte. Bald hofft, bald fürchtet es, bald streckt es seine Hand den neuen Ideen hin, bald klammert es sich' an die Altgläubigen an, bald ehrt es den Reichthum, bald schätzt es Wissen, furchtsam, wenn es einen Schritt vorwärts geht und fich schämend, zurückzu bleiben, scheint cs, als wenn es sich selbst mißtraute, will es nichts mit Energie, hängt aber auch an Nichts mü solcher Kraft, um es auftecht zu erhalten. Das dritte Geschlecht, unser Zeitgenosse, ist ganz französisch, es vereinigt die angeborne Lebhaftigkeit des morgenländischen Israeliten mit dem biedern Muthe des Franzosen, aber dabei bleibt auch die Vereinigung der bürgerlichen und religiösen Ideen stehen. Diese jungen Leute find als Juden geboren, beim Eintritt in ihre religiöse Volljährigkeit lasen fie öffentlich im Tempel, mit mehr oder weniger Leichtigkeit, ein Kapitel aus dem Pentateuch, aber seit diesem Tage haben fie mit keinem religiösen Gegenstände sich mehr befaßt; fie werden Ihnen von einem alten Familien-Andenken sprechen, weil die Lectüre von Walter-Scott dieses in ihr Gedächtniß zurückgerufen haben wird, aber was die Bibel, die Gebräuche und das Herkommen des mosaischen Gesetzes und den Cultus ihrer Vorfahren betrifft, so ist dieses alles für sie ein verschlossener Brief, und wenn Sie mit ihnen davon sprechen, so antworten fie Ihnen, baß fie, welche volle Beschäftigung in den Gerichtshöfen, im höheren Handel, in der Industrie und in den Künsten gefunden, (wo sie wirklich sich auszeichnen) in einem so positiven Jahrhundert sich nicht mit religiösen Fragen befassen könnten, und daß es eine Narrheit wäre, hiemit seine Zeit zu vergeuden, zu einer Epoche, wo die Fragen einer höheren Ordnung, und alles dessen, was das Interesse der Zeit berührt, die Welt bis in ihre tiefsten Tiefen erschüttern. (Schluß folgt.) Der Rabbi von Bacherach. *) (Fortsetzung) Je mehr aber der Haß fie von außen bedrängte, desto inni¬ *) S. die vorige Nr. ger und traulicher wuroe das häusliche Zusammenleben, desto tiefer wurzelte die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Juden von Bacherach. Ein Muster gottgefälligen Wandels war der dortige Rabbiner, genannt Rabbi Abraham, ein noch jugendlicher Mann, der aber weit und breit wegen seiner Gelahrtheit berühmt war. Er war geboren in dieser Stadt, und sein Vater, der dort ebenfalls Rabbiner gewesen, hatte ihm in seinen letzten Willen befohlen, sich demselben Amt zu widmen und Bacherach nie zu verlassen, es sei denn wegen Lebensgefahr. Dieser Befehl und ein Schrank mit seltenen Büchern .war alles was sein Vater, der blos in Armuth und Schristgelahrtheit lebte, ihm hinterließ. Dennoch war Rabbi Abraham ein sehr reicher Mann, verheirathet mit der einzigen Tochter seines verstorbenen Vaterbruders, welcher den Juwelenhandel getrieben, erbte erdessen große Reichthümer. — Kinderlos war die Ehe des Rabbi, dennoch fehtte es nicht um ihn her an Leben und Bewegung. Der große Saal seines Hauses, welches neben der Spnagoge lag, stand offen zum Gebrauche der ganzen Gemeinde; hier ging man aus und ein ohne Umstände, verrichtetete schleunig Gebete, oder holte Neuigkeiten, oder hielt Berathung in allgemeiner Roth; hier spielten die Kinder am Sabbathmorgen, während in der Spnagoge der wöchentliche Abschnitt verlesen wurde; hier versammelte man sich bei Hochzeit- und Leichengängen, und zankte sich und versöhnte sich; hier fand der Frierende einen warmen Ofen und der Hungernde einen gedeckten Tisch. Außerdem bewegten sich um den Rabbi noch eine Menge Verwandte, Brüder und Schwestern, mit ihren Weibern und Kindern, sowie auch seine und seiner Frau gemeinschaftliche Oehme und Muhmen, eine weitläustige Sippschaft, die alle den Rabbi als Familienhaupt betrachteten, im Hause desselben früh und spät verkehrten und an hohen Festtagen sämmtlich dort zu speisen pflegten. (?) Solche gemeinschaftliche Familienmahle im Rabbinerhause fanden ganz besonders statt bei der jährlichen Feier des Pascha, eines uralten, wunderbaren Festes, das noch jetzt die Juden in der ganzen Welt, am Vorabend des vierzehnten Tages im Monat Nissen, zum ewigen Gedächtnisse ihrer Befreiung aus egyptischer Knechtschaft, folgendermaßen begehen: Sobald es Nacht ist, zündet die Hausfrau die Lichter an, spreitet das Tafeltuch über den Tisch, legt in die Mitte desselben drei von den platten ungesäuerten Bröden, verdeckt sie mit einer Serviette und stellt aus diesen erhöhten Platz sechs kleine Schüsseln, worin symbolische Speisen enthalten, nämlich ein Ep, Lattig, Mayrettigwurzel, ein Lammknochen, und eine braune Mischung von Rosinen, Zimmet und Nüssen. An diesen Tisch setzt sich der Hausvater mit allen Verwandten und Genossen und lieft ihnen vor aus einem «bentheuerlichen Buche, das die Agade heißt, und dessen Inhalt eine seltsame Mischung ist von Sagen der Vorfahren, Wundergeschichten aus Egypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern. Eine große Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben, und sogar während des Vorlescns, wird zu bestimmten Zeiten etwas von den symbolischen Gerichten gekostet, sowie auch alsdann Stückchen von dem -ungesäuerten Brode gegessen und vier Becher rothen Weines getrunken werden. Wehmüthig heiter, ernsthaft spielend und mährchenhast geheimnißvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und de,- herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend, und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und ftemden Freuden und Ehren nachgejagt find, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten wohlbekannten Paschaklänge zufällig ins Ohr dringen. (Forts, f.) Zu beziehen durch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kesselring'schen Hofbuchhandluna zu Hildburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich.