Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 7 (22.11.1840)
- Date
- 1840-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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28 MoseS Montcsiore und Cremieur haben mich gebeten, die gefangenen Juden zu begnadigen und in Freiheit zu setzen.« Der Ausdruck /-begnadigen« versetzte mich in fieberhafte Aufregung. Ohne einen Augenblick zu verlieren, eilte ich zum Pascha hin, den ich eben so günstig gestimmt fand wie an( Tage vorher. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen sagte ich ihm: «Ew. Hoheit sehen mich von einem lebhaften Schmerz durchdrungen, dem nur Sie Einhalt thuu können.« Was ists? »Eine Wohlchat macht die andere nochwendig. Der Act der Gerechtigkeit, den Ew. Hoheit vollzogen, ist eine unermeßliche Wohlthat, doch müßte fie erfolglos bleiben, wenn Sie ihm nicht eine zweite folgen lassen.« Erklären Sie sich. «Ein Satz in dem Befehl Ew. Hoheit an Scherif-Pascha lautet folgendermaßen: „Die Herren Monlcfiore und Cremieur haben mich gebeten, die Gefangenen zu begnadigen.- Bei uns in Europa versteht man unter Begnadigung die Vergebung, die man Schuldigen gewährt. Nun hat aber weder Sir Moses, noch habe ich jemals gesagt, unsere unglücklichen Brüder von Damaskus seyen schuldig.« Mein Ferman nennt fie ja auch nicht schuldig! »Vergebung, Ew. Hoheit! es wird darin gesagt, wir hätten um ihre Begnadigung nachgesucht.. Um diese zu erlangen, hätten wir sie erst für schuldig halten müssen, sie sind aber schuldlos in meinen wie in Sir Moses Augen. Ew. Hoheit werden nicht wollen, daß eine Handlung, die uns erst so viele Freude verursachte, nun zum Gegenstand bitterer Trauer für uns werde!« Nein, gewiß nicht, versetzte der Pascha' mit einem Lächeln voll unbeschrciblichcr Güte, was wollen Sie in meinem Erlaß verändert wissen d »Nichts, Ew. Hoheit, als nur das einzige Wort Afou (Gnade)«. So mag man es weglassen." Aus Breslau: »Der Gottesdienst in dem großen Tempel war noch nie so feierlich bei uns, als in den verwichcnen Festtagen, und wir überzeugen uns immer mehr, welch herrliche Acquisition wir an unserm vi. Geiger gemacht, und wie unendlich groß der Erfolg seiner Vorträge für unsere religiösen Zustände ist. Leute, die seit'vielen Jahren selbst rn und 271' kein /Gotteshaus betraten, verweilten dieses Jahr mit wahrer Andacht in demselben und hielten am Versöhnungstage rüstig bis zur Nacht aus. Mädchen, welche christliche Schulanstaltcn besuchen und sich ftüher ihres Glaubens schämten, daher auch den christlichen Religionsunterricht mit zuhörten, um sich nicht als Jüdinnen zu bekennen, verlasse» solchen jetzt und haben keine Scheu, dem Lehrer zu erklären, daß sie den Unterricht ihrer angestammten Religion genießen. Der Rabbiner Tickt in, der sonst an hohen Festtagen den großen Tempel beehrte, war diesesmal nicht dazu zu bewegen; obgleich während der CpiO)} Q'O', außer den herrlichen Vorträgen unseres Dr. Geiger, gar keine Neuerung statt gefunden hatte. Ob diese Weigerung — trotz der versöhnenden Bemühungen des Vorstandes — aas Frömmigkeit, aus Furcht vor seiner Parkhci, oder in der Absicht, dem zweiten Rabbiner zu schaden, geschah, vermögen wir nicht zu beurtheilen; müssen uns jedoch für das iujustL-milit-u erklären, da der erste Grund gar keinen Grund hat, der dritte ein ganz falscher war, indem der zweite Rabbiner dadurch sich noch mehr Liebe und Verehrung erwarb; der mittlere Grund aber um so einleuchtender ist, als diese Furcht gute Früchte bringt, nämlich ein bedeutendes Geschenk der Orthodoxen an den Oberrabiner, aus py, 7TC3Q und niyö bestehend, Holz für den Winter, einen großen Stock zum Festhalten und Geld zur Entschädigung; daher hält er jetzt fest "D"D"V- — Ueber die Gediegenheit der Gcigerschen Vorttäge an beiden Tagen des heiligen 7,2, zu 'TU P(D1Ö und 7l*?'y: am 271', so wie an den ersten sTagen desiLaubhüttenfestes und am mi£y '3'DIP, herrschet nur eine Stimme unter allen Gebildeten der Gemeinde und unter allen christlichen Hörern, denen ein kompetentes Urtheil zustcht. An böswilligen Tadlern unter der Oppofitionsparthei fehlt es freilich auch nicht; allein nur wenige davon verstehen hebräisch und deutsch, und viele verstehen beides nicht. — Wegen der Feierlichkeiten an dem großen Huldigungstage entstanden auch wieder einige Wirren, und es kam dahin, daß der Rabbiner Ticktin seinen Vortrag in der Landschule, vr. Geiger aber den seinigen im großen Tempel hielt, wo die Feier einfach, aber erhebenv und der Würde des Tempels ganz angemessen war. Am N2^N N2L'betrat Herr Rabbiner Ticktin die Rednerbühne und sprach zürnend zwar, aber doch versöhnlich und nichts Verletzendes und Persönliches, womit man auch allgemein zufrieden war und diese 7it»m für eine TQlirn wegen der vom natP ^HüTI betrachtete.« Melodische Choralgesänge ertönten am vergangenen Neujahrsfeste und am Versöhnungstage in der Synagoge zu Mannheim. Um dieselben recht erhebend zu machen, ließ der Vorstand zu den.hebräischen Psalmen und Gesängen eigene Musik von den besten Künstlern in München componiren und übertrug die Ausführung hinein Choralgesang-Dirigenten von dort. Die Wirkung davon war außerordentlich. In der Synagoge herrschte eine feierliche Stille; kein Laut, kein Räuspern ward vernommen, und man bemerkte Leute heim Gottesdienste, die man seit vielen Jahren nicht an der heiligen Stätte gesehen, und die nach beendigtem Gottesdienste äußerten, daß sie, wenn dieses so fortgeführt würde, keinen Gottesdienst wieder zu versäumen entschlossen seyen. Was aber noch auffallender war, selbst diejenigen, die noch von altem Schrot und Korn und jeder Neuerung abhold sind, nahmen cs mit großem Wohlgefallen und wahrer Pietät Dagegen lautet's nicht schön, was man den Speyerern nachsagt: Es seyen bereits 3 Jahre, daß die Gemeinde eine neue Synagoge erbauen ließ. Man hätte damals gehofft, daß mit der Ausschmückung des Acußern auch ein den Bedürfnissen der Zeit entsprechender Gottesdienst eingerichtet werde. Aber nein! es ward wieder ein Vorsänger nach altem Schlage angcstellt, und das abgeschmackte Jodeln und Trilleren schlage jetzt an das Gewölbe der neuen, wie ehedem an das der alten Synagoge. Die Kanzel und Obsellien sehen zu, und spielen eine stumme Rolle dabei; die Jugend aber, die der religiösen Ery-eckung am benöthigsten ist, bleibe weg. Berichtigung: jiü 4. Seite 14. Spalte 2. Zeile 11 v. oben, muß cs heißen »g e sch i ch t l i ch e« statt »und geschichtliche«. Zu beziehen drirch alle Postämter und Buchhandlungen von dem Postamte in Meiningen und der Kesselring'schcn Hofbuchhandlung in Hildburghausen und Meiningen. Preis, einschließlich des ganzen Porto, 1 Thlr. 16 gr. C. M. od. 3 fl. rhein. jährlich. Druck von Döll und Schaffer in Kassel.