Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 2 (1840-1841)
- Issue
- Heft 2 (11.10.1840)
- Date
- 1840-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2566751-2566752-2566755--0012-2567569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit des munzchnlcn tzatzrhmdms. Ei« Wochenblatt für die Kermtniß des israelitischen Lebens, besonders in religiös-kirchlicher Beziehung. Herausgegeben vr. M. Heß, Land-Rabbinen zu StadtlengSfeld, im Großherzoghum Sachseu-Weimar-Eisenach. Nv. 2. Sonntag den 11. October 181V. LI. Jahrgang. Motto: Entschieden, freisinnig, muthvoll und wahr. Der reine Mofaismus. (Fortsetzung von Nr. 1.) Die Untersuchung, welche wir vornehmen wollen, steht mit der Frage: Was hält der reine Mosaist, der aufgeklärte Israelit, vom Christcnthum? i» enger Verbindung; daher wir dieser zuerst unsere Aufmerksamkeit -zuwenden: Giebt cs etwa für den aufgeklärten Israeliten keine Misston des Christenthums; darf er an keine solche glauben? dann dürste er auch an das Christenthum als weltgeschichtliches Ercigniß nicht glauben, dann müßte er alt' das Große, Heilige rmd Seegensreiche, welches es in der Welt verbreitet, leugnen. Nein! das Christenthum steht auch für den erleuchteten Israeliten als ein überaus wichtiger Akt der göttlichen Weltregicrung da; es hat auch für ihn eine hohe Misston, er sieht in ihm diejenige Veranstaltung der Vorsehung, durch welche sie die Lehre von einem Gott der Liebe und des Erbarmens und die aus ihr hervorgehende Nächsten- und Bruderliebe, beide bisher nur Eigenthum der Israeliten, nun durch Lehrer und Gesandte aus ihrer Mitte auch zu den heidnischen Völkern tragen ließ, und dadurch einen Theil der prophetischen Weissagungen verwirklichte, das Reich Gottes auf Erden vorbereitete. Und je weiter sich jene Lehre über die Völker verbreitet, je mehr Seegen und Heil sie schaffet, desto tiefer muß der aufgeklärte Israelit die Mission des Christenthums verehren; desto tiefer muß er der Vorsehung für eine Veranstaltung danken, die, indem sie die Völker zu der Idee der Liebe (dem edelsten Gehalte der Sinai-Lehre) erhob, auch uns freier machte, auch gegen uns diese Idee in Anwendung brachte, da in Anwendung brachte, wo cs unser Menschenrecht und unsere Menschenwürde, wo es unsere Stellung im Staate und Völkerlcben galt. Darum fühlt sich auch jeder erleuchtete Israelit mit inniger Liebe zu den Bckennern des Christenthnms hingezogen, darum sieht er in einem jeden von ihnen das Glied eines Bundes für die Erlösung der Menschheit, für ihre Vorbereitung zu der rechten Gottcserkcnntniß, und er hat nur den Wunsch, den aufrichtigen Wunsch, daß jedes Glied auch ein wahrhafter Apostel seiner Lehre sey, und im Leben, im Leben des Einzelnen, wie des Ganzen, der Idee der Liebe und der Menschenachtung ihre Geltung verschaffe. Aber ist darum jeder aufgeklärte Israelit Christ, ist reiner Mosaismus und Christenthum eines und dasselbe? Das Christenthum lehrte allerdings den Gott der Barmherzigkeit, welchen die Propheten lehrten, und ermahnte zur Bruder- und Nächstenliebe, wie sie; aber es lehrte auch einen dreieirrigen Gott, einen Gott, der Mensch geworden, für die Sünden der Menschen gelitten, und durch freiwilligen Tod ihre Schuld auf sich genommen, sie von Strafe und Verderben erlöst habe. Mag nun auch das frommgläubige Gemüth des Christen in diesen Vorstellungen unendlich viel Tröstendes finden; mochten sie zur Einführung des Christentums in die damalige, mit ihrer Glaubensan-. sicht zerfallene und nach einer Erlösung sich sehnende, Welt unendlich viel beigetragen haben; ja mögen sie noch jetzt zur Verbreitung des Christenthums unter polytheistischen Völkern außerordentlich wirksam seyn, derIsraelit kann chegen der Idee der absoluten Ein-