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Deborah · 1866-05-01 · Heft 9 (1.5.1866) · page 7

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Journal
Deborah
Volume
2 (1866)
Issue
Heft 9 (1.5.1866)
Date
1866-05-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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— 101 — tieferregte menschliche Gefühl im Herzen seine gewaltigen Worte spricht, da schweigt der Mund. Endlich bricht Salamon das Schweigen. „Deine Liebe soll mich trösten in der bangenden Sehnsucht, die die Entfernung meiner Lieben mir verursachen wird." „Glaube mir, mein Freund! ich bedarf fast eben so des Trustes, als du. Mir ist es selten arrivirt, daß ich Jemand so recht aus der Tiefe meines Herzens gut geworden wäre. Geschah es aber, dann war ich Freund mit Leib und Seele. Du hast es bei dir gesehen. Sa kam cs mir heute mit deinen Lieben. Mir ist's, als hätte ich schon lange Jahre in ihrem Kreis gelebt und sollte Plötzlich herausgerissen werden." Der heranbrausende Zug unterbrach das Gespräch der Freunde. Sie stiegen in ein Coupe erster Classe. Der Vater hatte es sich nicht nehmen lassen, den Freunden die Karten zu lösen, und hätte, wie er sagte, womöglich noch höhere Karten gelöst, .denn der Professor und sein Freund könnten nicht genug gut fahren. Die Freunde machten es sich in den breiten, weichen Fauteuils bequem. Sie setzten sich in zwei Ecken, denn jeder fühlte das Bedürfnis, mit seinen Gedanken allein zu sein. Vis-a-vig Häusler saß eine ältliche kugelrunde Person, aus deren schwammigem Gesichte eine derbe Gutmüthigkeit sprach. Da hätte aber Venus Anadyomene in Person sitzen dürfen, der in dunklen Weiten haftende Blick Häuslers hätte sie doch nicht beachtet. Ihm war es so sehnsuchtsvoll, so seltsam zu Muthe. L>cin sonst nicht zur Bildung von Phantasien hinncigcnder Sinn war heute voll dieser luftigen süßen Kinder der Poesie. Er träumte sich in ein fernes, fernes Land. Rings um ihn die bekannten Theuern, und an seiner Seite sie, sie, in der Pracht der dunklen Locken, mit dem Feuerstrahl des herrlichen Auges, mit der liebenden Fülle des jungfräulichen Herzens. Stille, stille, auf daß ihr ihn nicht stört. Sie sind so süß und kurz die Träume der jugendlichen ersten Liebe. Halte Tact in deinem Lärm, Feuerrad, daß du seine süßen Gedanken nicht unterbrichst, scheine, von keiner Wolke bedeckt, bleicher Träumer Mond, der du spielende Elfen belebest. St! St! ... Er schläft lächelnd ein.- Anders verhält es sich mit Salamon und seinem Gegenüber. Er hatte zwar eben so wie sein Freund, als er Damen im Coups bemerkt, höflich gegrüßt, sich aber wie jener nicht weiter um dieselben gekümmert. Sein gepreßter, durch das Gefühl des Abschieds getrübter Sinn suchte, wie dies natürlich, bald nach einem Gegenstände der Außenwelt, der im Stande wäre, ihn in seinen bangenden Gedanken etwas zu richteten sich seine Blicke mehr einem natürlichen innern Drucke als einem Bedürfnisse — er war ein großer Weiberfreund gewesen — folgend, nach der ihm gcgenübersitzenden Gestalt. Das matte Dämmerlicht der Milchlampe fiel gerade in seinem vollen Scheine auf ihr Gesicht. Man konnte nichts Schöneres sehen. Dunkelblonde dichte Flechten umrahmten es. Ein seltsamer Zug, gemischt aus Schwermuth und herzgewinnender Güte, lag in den großen dunkelblauen Augen. Das Gesicht hatte außer den regelmäßigen Schönheitslinien seiner Theile — was fast allen blonden Schönheiten eigen — zugleich das, was in so hohem Grade Brünetten besitzen — ein interessantes Etwas, das noch keinem Physiognomiker zu enträthseln gelungen, dessen Ursache in dem gehcimnißvollen undurchdringlichen Seelenmagnetismus der Geschlechter zu suchen ist. Lange, zu lange haftete Salamons Auge an dem schönen Gesicht, an dem hohen Ebenmaße der Gestalt. Die Dame hielt in ihren Händen ein Buch, das, da sie nachdenkend vor sich hinschaute, zur Erde fiel. Rasch bückte sich Salamon, dasselbe aufzuheben. „Danke, mein Herr! Sie sind sehr gütig." Dabei konnte Salamon den sympathischen dunklen Ton ihrer Stimme und zwei Reihen — wir finden keinen passenden Vergleich in der Natur dafür — herrlicher Zähne bewundern. Zugleich hatte er Zeit, während er das Buch aufhob, mit großen Goldbuchstaben darauf „Börne, Briefe aus Paris" gedruckt zu sehen. Dies bot ihm Gelegenheit, seiner Sehnsucht, die er schon seit einer Viertelstunde hegte, mit dem Mädchen zu sprechen, zu folgen. „Fräulein hatten keine Langeweile auf Ihrer Reise in Gesellschaft dieses Herrn!" „Gewiß nicht, mein Herr! aber Kopsweh. Der Mann rückt uns lächelnd und spielend ganze Berge von Scharfsinn und Philosophie vor die Augen. Seine Ideen gleichen einem hohen Thurme. Man steigt hoch, immer höher, aber langsam, ohne es zu wissen. Es läßt sich gar leicht auf der bequemen Treppe auswärts kommen. Da aber steht man plötzlich auf der Gallerte, und begreift gar nicht, wie man so hoch gekommen. Von ungeahnter Höhe schaut man hinab auf das kleinliche Treiben der Menschheit. Das Auge blickt in nie geahnte Fernen. Aber wehe dem, der nicht schwindelfrei! Er hält diesen Standpunkt nicht aus und muß still und zitternd ans Geländer gestützt den Rückzug antreten. Nun, mein Herr! mir schwindelt's gerade nicht stark, aber etwas Kopfweh habe ich doch." „Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen meine Bewunderung auszudrücken für diese wahrhaft meisterhafte Charakterisirung Börne's, die doppelt mein Erstaunen hervorruft, da sie — Sie verzeihen mir meine Aufrichtigkeit — aus dem Munde eines Mädchens kommt. Die gediegene Lecture ist gar etwas Seltenes beim schwachen Geschlechte unserer Zeit. Und erst Börne. Wer ihm Geschmack abgewinnt, ist vor Allem überzeugt von ihm." „Und darf ich das nicht?" antwortet lächelnd das Mädchen. „Ja, Ihr Herren möchtet uns gerne nebst den politischen Rechten auch die politische Ueberzeugung nehmen. Ja, wir sind nur dazu gut, als lebende Drahtpuppen für die Phantasicbilder zu dienen, die Ihr aus Euern Büchern oder Gedanken geschöpft. Uns gehört Küche und Spinnstube, Euch der Wahlplatz und das Parlament. Ein starkes Weib voll Freiheitsliebe und Thatkraft, das unbeschadet ihrer Häuslichkeit und Sitte Eure Ideen und Sorgen theilt, könnt Ihr nicht denken." (Fortsetzung folgt.) Notizen.

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