Deborah
- Journal
- Deborah
- Volume
- 2 (1866)
- Issue
- Heft 9 (1.5.1866)
- Date
- 1866-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 100 — Ein Mrdicinrr. Original-Novelle von Viertes Kapitel. Das Wiedersehen. (Fortsetzung.) Das erste Mal in seinem Leben war Häusler um eine Antwort verlegen. Er faßte sich mühsam und sagte: „Ich dachte eben darüber nach, wie die Nachricht von unseres David literarischem Glücke Ihnen zugekommen sein mag." „Wir haben cs unserem Sohne schon erzählt. Berichte du Herrn Häusler davon. Pauline!" sagte der Vater. Ohne die unausstehliche Ziererei, mit deren Nimbus zum Erzählen, Singen re. aufgeforderte junge Damen sich zu umgeben pflegen, begann die Schwester Salamons: „Ich will kurz sein, trotzdem ich einst mit Vorliebe Louise Mühlbach gelesen; darum will ich Ihnen Doctor Mühlberg, unfern langjährigen Hausarzt, nicht erst psychologisch detailliren. Dieser spielt bei der Versöhnung zwischen Eltern und Bruder die Hauptrolle und ist, damit sage ich Alles, Doctor und Junggeselle, aber nicht jung. Unser David war von Kindesbeinen auf sein Herzcnspünktchen. Der Alte, der ihn auf den Knien gewiegt, war voll Freude, als er mit dem Jungen einen Hang zu den Naturwissenschaften heranwachsen sah. Der Entschluß des Vaters, den Bruder Geschäftsmann werden zu lassen, erbitterte den Doctor höchlichst und seine täglichen Besuche bei uns wurden zu wöchentlichen, später beschränkten sie sich blos auf die Krankheitsfälle in unserer Familie. Papa und Doctor erfreuen sich Beide keiner großen Nachgiebigkeit, und so blieb es durch Jahre. Da, vor zwei Tagen stürzt Mühlberg athcmlos ins Zimmer, ein bedrucktes Blatt als Siegespanicr vor sich in Händen. „Hurrah! hurrah!" so ruft er athemlos, hält das Blatt mit den Worten : „da, alter Bär!" dem Papa vor die Augen und wirft sich erschöpft in das Sopha. Der Vater liest, blickt starr, liest noch einmal, blickt weniger starr, liest zum dritten Male, da entstürzen Thränen seinen Augen und indem er Mutter und mir das Blatt gibt, stürzt er ins nächste Zimmer. — Dieses Blatl war eine Nummer der mcdicinischcn Zeitung, darin von der Sitzung der Akademie, in der David den Preis davongetragcn, ferner eine durchaus lobende Kritik der Preisarbeit zu lesen war. Papa setzte, nachdem er sich mit dem Doctor besprochen, sogleich das Telegramm auf. Bald kamen sie wieder zu uns aufs Zimmer, wo ich und Mama abwechselnd bald lachten, bald weinten. Der alte Junggeselle tanzte wie närrisch umher, während er ausrief: „So, so! Da habt Jhr's. Der hätte Düten drehen sollen? Als er noch lächelnd in meinen Armen spielte, da prophezeit' ich ihm's schon, wenn er mir mit seinen Patschchen in die Haare fuhr: „Junge, du wirst was Größeres, als ich. Gewöhnlich fahren sich meine Patienten in die Haare, wenn sie meinem Arm sich anvertrauen, und du thust es in diesem Falle mir. Ja, ja! ist auch was Ordentliches worden. Ich will ihm aber schreiben, was ich von ihm halte. Doctor, will ich ihm schreiben. Junge, Herzcnsdoctor! wenn du fertig bist, dann übergibt dir der alte Mühlberg Praxis und Vermögen. Ja wohl Praxis! ha ha! den lassen sic mir nicht her, den halten sie sich in der Hauptstadt, die Genies wachsen nicht an jedem Strauch. Herr Professor, will ich ihm schreiben, findet sich einst in Hochdero Haushalt ein Plätzchen für einen alten Junggesellen, gebt's ihm, er will bei Euch, seinem Liebling, die müden Augen einst schließen." Dabei rannen ihm die Hellen Tropfen in den Bart." Arnold Weisse. „Der gute Alte!" ruft David, Thränen in den Augen. „Ich habe ihn immer geliebt, mit seinem offenen Herzen und seinem klaren, freidenkenden Geiste." Häusler hatte aus jedem Worte Paulinens mehr und mehr das süße Gift der Liebe eingcsogen. Es war seine erste Liebe und die kommt wie der Blitz, wird aber im tiefen Gemüth zum Fixstern. Durch einige Stunden wurde noch viel gekost und geplaudert. Da hallte die Glocke Fünf. Nie hatte Häusler ein Ton verhaßter geklungen, als dieser. „Kinder! es ist Zeit, aufzubrechen," sagte der Vater. „Um Einviertel auf sechs Uhr ist der Zug da. Weint doch nicht! Zu den Ferien ist unser David zu Hause. Darf ich auch hoffen. Sie als lieben Gast bei uns bewillkommen zu können, Herr Häusler? David, der, wie er sagt, fest daraus bestand, daß Sie ihn zu uns her begleiteten, zeigte mir schon dadurch, daß er Sie als Bruder ansieht. Wie er mir erzählte, ist ihm auch Ihre werthe Familie zum zweiten Vaterhause geworden, und so darf ich hoffen, daß meine Einladung nicht als Form aufgefaßt werde. Sic bedeutet so viel, als wenn ich zu meinem David sage: „Komm, deine Eltern erwarten dich." Sie verstehen mich, mein Freund!" Tief gerührt faßte Häusler die Hand des alten Salamon. „Mögen die Bande, die unsere Familien zu verknüpfen beginnen, immer fester und fester werden." Ein unwillkürlicher Seitenblick fiel, nur von ihr bemerkt, auf Paulinen, die heftig erröthete und wie spielend den Hahn des Lampendochtes zurückschraubte- Wieder ertönte das Glockensignal. Mutter und Vater drückten fest den geliebten Sohn noch einmal an die Brust. Auch Letzterer weinte. Die Schwester lag schluchzend in David's Armen. „Ach, nur so kurze Zeit, nachdem wir so lang dich nicht gesehen!" — „Trost, Trost," sagte jetzt unter Thränen lächelnd Salamon, „Alles wird in einigen Wochen gut gemacht." Häusler weinte nicht. Auf seinem Herzen aber lag es drückend, so schwer und süß, als er die schöne Hand Paulinens an seine Lippen preßte. Er hätte aufjauchzen mögen, als er nebst dem obligaten derben freundschaftlichen Händedruck, schon als die Hand sich der seinen entziehen wollte, noch einen leisen, kaum fühlbaren Druck empfand. Auch in Paulinens Auge perlte eine Thränc. War es ein verspäteter Nachzügler der früher«, oder entsprang sie einer andern Quelle? — Der Boden dröhnte. Zwei feurige Ricsenaugen nahten aus der nächtigen Ferne, umrahmt von glühenden Locken des Dampfes; das Locomotiv. Der Zug hält. Noch einige Küsse. Vater und Mutter steigen ein. Häusler hilft der Schwester in das Coupö. Seine Hände zittern heftig, da sie die schlanke Mitte des Mädchens umfassen. „Scheiden thut weh!" lispelte Häusler. „Ja wohl," replicirt Pauline. Sie hatten sich verstanden, und in der Brust Beider tönte das ewige Lied der Liebe, jubelnd und schluchzend, lachend und weinend. Der Köcher Amors war an diesem Tage um zwei Pfeile ärmer geworden. Fünftes Kapitel. Das Eisenbahnunglück. Stumm sahen die beiden Freunde dem in die Nacht dahineilenden Zuge nach. Sie sprachen kein Wort. Wo das