Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 60 (1904)
- Issue
- 4 (1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Dibre 6mctb. €in Qierteliafyrsblatt für Israeliten und freunde Israels. 1904. 60. Icthvgcrng. Wo. 4. InlirrLt: Wanderungen im Wiener Prater. — Wer ist Jesus? — Eine Verteidigung des Christentums. — Aus Mogador. — Zu Joh. 3, 5 ff. — Zwei Millionäre. — Zu Psalm 2, q-. -- Zu Jes. 28, \6 (Pf. U8, 22). — Zu Jes. ^,6. — Zu Rom. 6, 5—^0. — Grundls Neues Testainent. — Zum Nachdenken. — Über Lhaeckels „Welträtsel". — Kleine Mrssionszeitung. — Aus der jüdifcherr Presse. — Angriff und Abwehr. — Büch er bericht. — Empfangsbescheinigung. Wanderungen im Wiener Prater. \. ITlit Ihrer biblischen Weltanschauung bleiben Sie um \00 oder 200 Jahre hinter der Gegenwart zurück. -- Was liegt daran, ob meine Betrachtungsweise vielfach für veraltet gehalten wird? Die Hauptfrage lautet: Ist sie richtig? Und sie ist richtig, ja, die einzige richtige, denn sie ruht auf göttlichen Offenbarungen, die vor $00 und noch mehr Jahren stattgefunden haben, aber einen Ewigkeitswert besitzen. — ZITofe und die Propheten waren sicherlich große Männer. — Sie waren Gottes Anechte und Mittler: darin bestand ihre Größe. Israel soll deshalb ihre Schriften wert halten und von ihnen sich leiten lassen. — Im allgenieinen geschieht das ja imnier noch bei uns Juden. — Aber gerade bei dem wichtigsten punkte widerstrebt man. — Wie soll ich das verstehen? — Jene Gottesmänner des alten Bundes bekennen wieder und wieder, daß erst die Zukunft die völlige Enthüllung der göttlichen Geheimnisse bringen werde. — Wir begnügen uns mit der Ausbildung, welche der Mosaismus und Prophetismus im modernen Iudentuni empfangen hat. -- Und hiermit dürfen Sie sich eben nicht begnügen. Ihre eigenen heiligen Schriften weisen Sie ja in den neutestamentlichen Messianismus hinein: in die Weltregion, in welche der Davidssohn Jesus die Volksreligion Israels verwandelt hat. Unsere Altgläubigen lehren, daß der verheißene Davidssohn noch kommen werde. — Aber Davids Geschlecht ist ja längst ausgestorben. Ein rabbinisches Werk behauptet, daß Mar Sutra Bar Mar Sutra der letzte Nachkomme des großen Aönigs gewesen sei. heutzutage kann kein Israelit seine Abstammung von David beweisen. — War denn der Stifter Ihrer Religion hierzu imstande? — Allerdings. Jesu standen nickt nur zwei Ahnentafeln, die seiner Mutter und die seines Pflegevaters, zur Seite: auch sonst konnte er seinen Anspruch auf die Messiaswürde beweisen. Dennoch hat ihn sein Volk gekreuzigt. — Das haben ja die Römer getan. — 2. Sam. \2 sagt Nathan zu David: „Uria hast du erschlagen." \. Aön. 2\ klagt Elia Ahab an: „Du hast totgeschlagen, dazu auch eingenommen." Und doch hatten beide Aönige ihre bösen Pläne durch andere ausführen lassen. So konnte denn auch Petrus nach Apg. 2 am ersten christlichen Pfingstfest seinen jüdischen Zuhörern mit Recht zurufen: „Ihr habt Iesum durch die Hände der Ungerechten genommen, angeheftet und erwürgt." „Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem Herrn und Ehristus gemacht." — Auf alle Fälle war die Schuld der Römer größer. — Nein, der eigentliche Urheber einer bösen Tat ist strafwürdiger als das von ihm gebrauchte Werkzeug, hieraus erklärt sich die beispiellose Leidensgeschichte Israels. — Das ist ja nur die christliche Auffassung von den Leiden Israels. — In gewissem Sinne kann ich mich auch auf jüdische Autoritäten berufen. Schammai stellte den Satz auf: „Wer seinen Nächsten beauftragt, einen Menschen zu töten, muß selbst getötet werden." Der Talmud aber nennt als eine Ursache der gegenwärtigen Zerstreuung Israels „unbegründeten haß" (Siu’atli clrinnauu)- Der Messias Jesus konnte mit noch viel größerem Recht als David (Pf. 69, 5) über grundlosen haß klagen. Gott hat den von Israel verworfenen Heiland gerächt, indem er Jerusalem zerstörte und die von Schwert und Hungersnot verschonten Bewohner zerstreute. — Gesetzt den Fall, Israel stünde wirklich unter einem besonderen göttlichen Gericht, so bliebe uns eben nichts übrig, als uns demselben zu unterwerfen. — Sie können noch eins tun. Sie können Gott anflehen, daß er die Gerichtszeit beenden und durch Seinen Geist eine neue Gnadenzeit anbrechen lassen wolle. Er wird dies Gebet erhören, wenn Israel dem göttlichen Messias nicht länger Widerstand leistet. — Ach, Sie wollen mich da wohl in die Dreieinigkeitslehre einführen? Die ist ja vollends unjüdisch. — Im Gegenteil wurzelt auch sie in jüdischen Zeugnissen: in Aussagen des Alten und