Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 54 (1898)
- Issue
- 1 (1898)
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Wie mit Donnerstimme dringen diese Gebetsworte in die Seele der halbverhungerten, todmüden Frau. Die Erinnerung an ihre fromme Mutter und an ihren Seelsorger wacht in ihr auf. Sie erkennt, daß sie an einem Abgrund steht, und seufzt zum Heilarid um Erbarmen, von der Predigt hört sie kaum ein Wort: wieder und wieder muß sie die Verse des Liedes lesen, bis sie sie auswendig weiß. Dieser Gesang wurde ihr Reiter. Die Diakonissen nahmen sich ihrer liebreich an, als sie am Schluß des Gottesdienstes ohnmächtig zusammenbrach. Die kranke Seele wurde geheilt, und auch äußerlich besserten sich ihre Verhältnisse. Zu 1. I»eLri 5, 10. Lin edles Musikinstrument aus Holz giebt um so bessere und reinere Töne ab, je länger es gespielt wird. Ähnlich verhält es sich mit einem Konzertsaal, der mit Holzverkleidung versehen ist. Die in einem ganz neuen Raume umherlaufenden Tonwellen geben anfangs noch einen etwas unsteten und schwirrenden Ton ab. Aber sie selbst bereiten sich immer besser den Boden, indem sie bei immer wiederholten Schwingungen die großen, langen Flächen entlang alle etwa vorhandenen Klinsen und Risse mit Staub ausfüllen und verstopfen und so eine für die gute Klangwirkung notwendige, ganz glatte und ebenmäßige Fläche Herstellen. Das Holz- und Mauerwerk des Saals muß erst mit Tönen gesättigt sein, ehe es den erwünschten Resonanzboden darbietet. — Siehe da, ein Bild der Zurüstung und Vollbereitung, deren die menschliche Seele bedarf, um ein geeignetes Werkzeug, eine wohlklingende Harfe des heiligen Geistes zu werden! Nicht die einmalige, sondern die beständige Eingabe an das Wort Gottes macht uns zu wahren Menschen Gottes. Jüdische Hhronik. In Berlin wurde der Neubau des Baruch-Auerbach'schen Waisenhauses (Schönhauser Allee \62) eingeweiht. \855 eröffnete Auerbach, dem das Beispiel A. Francke's vorfchwebte, mit % Waisenknaben die Anstalt. Nach \o Jahren trat ihr ein Mädchenwaisenhaus an die Seite. \854 erwarb sie ein eigenes Heim in der Oranienburgerstraße. von hier konnte das „Elternhaus für Waisen" nunmehr in die neu hergestellten größeren Räume verlegt werden. Protektorin der Anstalt ist die Kaiserin Friedrich. — Eine von der Freien Isr. Vereinigung einberufene Versammlung beschloß die Begründung eines Vereins zur Beförderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands. — Der ^95 entstandene Berliner Humanitätsverein jüdischer Logen (Bureau: Klosterstr. versorgte im ersten Jahr seiner Thätigkeit 66t Stellungsuchende mit Arbeit. Die Gesamtzahl der Bewerber betrug 2500. Das Vorurteil gegen jüd. Arbeiter war bei jüd. Arbeitgebern größer als bei christlichen. — In der von uns schon erwähnten Angelegenheit des Erlanger Professors Rosenthal ließ demselben nach Abschluß der Diszixlinaruntersuchung das bayrische Kultusministerium sein Bedauern und Mißfallen aussprechen. — In Böhmen hatten sowohl deutsche als auch czechische Israeliten nach dem Abgang des Ministerpräsidenten Badeni unter den Wutausbrüchen des czechischen Pöbels zu leiden. Auch in Rumänien fanden Judenverfolgungen statt. — Das neuste Organ der wiener Zionisten ist „Die Welt". Es will eine völkerrechtlich gesicherte Heimstätte schaffen für solche Juden, die sich an ihren jetzigen Wohnorten nicht assimilieren können oder wollen, weiter betont das Programm die Absicht, eine redliche, ernste, dem Judentum ersprießliche Kritik zu üben. Der Ende August in Basel abgehaltene Zionistenkongreß war von etwa 300 Personen besucht. Unter den ihm zugegangenen Petitionen trug eine ^5000 Unterschriften. Man beschloß u. a., einen Aufruf an das ganze jüd. Volk zu richten. Ein Aktionskomitee von 25 Mitgliedern soll einen Nationalfonds beschaffen und agitieren. — Einen Beweis von Charakterfestigkeit gab ein Israelit zu Amersfoort in Holland, N. viffer. Zum Vizebürgermeister gewählt, wollte er auf diese Ehre verzichten, weil der Stadtrat seine Sitzungen Sonnabends abhielt. Um ihm die Annahme des Amts zu ermöglichen, verlegte man die Sitzungen auf den Montag. — Bei dem religionswiffenschaftlichen Kongreß zn Stockholm sprach u. a. der dortige Rabbiner Klein über „Religion und Moral". Er pries hierbei den Einfluß des aus Israel hervorgegangenen Christentums. Lin späterer christlicher Redner bemerkte, Klein habe eine tiefere