Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 53 (1897)
- Issue
- Heft 6
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein MonatMatt für Israeliten und Freunde Israels. Lbre Mrnelh Wr. 6. — A3. Jahrgang. — 1897. Anhalt; Stephanus im Sterben. — Geheimchristen. — Erlebnisse auf einem russischen Bahnhof. — Gesinnungswechsel. — Zu Jef. 63.7. — Das tiefste Elend. ^-Gebete eines Israelitert um den heiligen Geist. — Ans Briefen von Missionsfreunden. Stephanus im Sterben. Schnell folgen die Tage unseres Erdendaseins auf einander. Sie gleichen Eisenbahnzügen, die mit kurzen Abständen an uns vorüberrollen. Der Flüchtigkeit des Lebens entspricht seine Nichtigkeit Unter dem Geleit dumpfer Glockenklänge und ohne dasselbe werden aus der Mitte der Lebenden beständig Tote hinausgetragen. Zu den alten Grabhügeln kommen immer neue Hinzu, große und kleine. Endlich wird sich auch uns die Erde aufthun und unser sterbliches Teil empfangen. Für die unsterbliche Seele aber kommt dann die Stunde des Gerichts. Das letztere ist nur dann nicht zu fürchten, wenn unser Sterben demjenigen des ersten christlichen Märtyrers (Apg. 7, 55 — 59) ähnlich ist. Das Sterbebett des Stephanus war zunächst eine Leidensstätte gemäß dem Ratschluß des Allmächtigen. Es befand sich außerhalb Jerusalems und bestand aus hartem Felsboden, hier sah man den frommen Almosenpfleger vor seinem Tode stehen, knieen und liegen. Nicht gute Freunde, sondern erbitterte Widersacher umgäben ihn. Ihre Augen schossen Blitze, ihre Zungen schleuderten giftige Pfeile, ihre Hände griffen nach Steinen, um den unbequemen Zeugen der Wahrheit zum Schweigen zu bringen. Dies Leiden widerfuhr demselben nach Gottes Willen, wie David und Jesus nach göttlichem Ratschluß schwere Prüfungen zu erdulden hatten, wie wir alle im Sterben nach Gottes Willen leiden. Nicht genau in der gleichen Weise wie Stephanus brauchen wir dis Welt zu verlassen, um zu erkennen, daß der Tod eine von Gott angeordnete Vergewaltigung ist. Wer Du auch seist: Du mußt im Sterben Deine gewohnte Thätigkeit einstellen. Der Tod nimmt dem Maurer die Kelle, dem Schmied den Hammer aus der Hand. Er entwindet dem Rosselenker die Zügel, dem Kaufmann und Gelehrten die Feder, dem Krieger das Schwort. Er zwingt den Rechtsanwalt feine Verteidigungsrede, den Arzt seinen Krankenbesuch abzubrechen. Er ruft dem Mann, der in - der Kirche oder der Synagoge auf der Kanzel steht, ein „Verstumme!" zu. Selbst der Kaiser mit all seiner Macht ist ihm gegenüber ohnmächtig. Ein Kampf mit ungleichen Waffen wird da geführt, wo dem Willen Gottes aufseiten des Menschen Widerspruch begegnet.