Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 51 (1895)
- Issue
- 9 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Jüdische Chronik. Der am 2. Juni verstorbene, frühere preußische Justizminister v. Friedberg war der Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Märk. Friedland. Nach Beendigung seiner juristischen Studien wurde er Hauslehrer bei einer jüdischen Familie in Danzig. \857 trat er als Referendar zum Christentum über. — Am Juni wurde das von dem Stadtv. L. Sachs gestiftete, Auguststr. \i befindliche, mit dem jüdischen Krankenhaus verbundene Schwesternheim des Berliner Vereins zur Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen eröffnet. Der Verein zählt bereits über ^oo Mitglieder. Er hat für die *6 unter einer Oberin stehenden Schwestern je \200 Mk. jährlich anfzubringen. — Der neubegründete liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin beklagt in einem Flugblatt den Mangel eines vorwiegend deutschen Gottesdienstes, an welchem namentlich Frauen und Kinder mit Verständnis und Erbauung teilnehmen können. Er fordert jeden zum Anschluß auf, der nicht wünscht, daß die Gemeinde im Geiste des Gewissenszwanges verwaltet werde. —- Im Juli bildete sich eine Vereinigung jüdischer Studierender der Universität, welche das jüdische Selbstgefühl durch Einführung in die Geschichte und Litteratur des Judentums beleben, sowie die körperliche Kraft und Geschicklichkeit durch Turnübungen pflegen will. — An den höheren königlichen Lehranstalten Berlins wurde vom jüdischen Gemeindevorstand ttn Einvernehmen mit dem Kultusministerium ein fakultativer jüdischer Religionsunterricht eingeführt. An den städtischen Anstalten wird ein solcher schon länger erteilt. — Lin Prozeß, den der Kolonisator Friedmann gegen Dr. H. Hildesheimer angestrengt hatte, führte nach 21/2 Jahren die Verurteilung des letzteren zu einer Geldstrafe von 20 Mk. herbei. — Die von Ahlwardt und Böckel gegründete Antisemitische Volkspartei veranstaltete am 2. Juni in Berlin den ersten Parteitag. — In Breslau wurde wegen Verbreitung eines Flugblattes von Th. Fritsch, welches Stellen des Schulchan-Aruch anführt und verwertet, ein Gerichtsverfahren eingeleitet. Dasselbe endete mit der Freisprechung des Angeklagten. — InDessau wurde im ersten Viertel dieses Jahrhunderts die Konfirmation der jüdischen Mädchen eingeführt, von hier aus fand diese Ordnung ihren weg in viele andere Gemeinden. Sie ging später in Dessau selber ein. *895 wurde sie jedoch hier wieder ins Leben gerufen. — Die Bezirkskonferenz jüdischer Lehrer in Süd-Hannover gab ein Flugblatt heraus, welches weite Verbreitung verdient. Die Frage, welche es behandelt, lautet: „Hast du eine Bibel im Hause?" — In Godesberg wurde ein rheinischer Rabbinerverband, in Prag ein jüdischer Gemeindeverband gegründet. — In Wien verursachte die Wahl des Antisemiten Lueger zum zweiten und bald darauf zum ersten Bürgermeister große Erregung. Der Ministerrat löste den Gemeinderat auf. — vom ungarischen Magnatenhaus wurde endlich das Gesetz über die Rezeption der Juden (mit \07 gegen 407 Stimmen) angenommen, aber der den Übertritt zum Judentum gestattende Paragraph abgelehnt. — Das russische Kultusministerium erließ Vorschriften, welche die Thätigkeit der jüdischen Lehrer., einschränkeu. — Der französische Großrabbiner Zadok Kahn plant eine neue Übersetzung des A. T. in die Landessprache, während die von S. Lahen veröffentlichte wegen der beigefügten Erklärungen \2 Bände umfaßt und mehr als joo Fr. kostet, soll jetzt ein möglichst billiges Volksbuch hergestellt werden. — Ans Tunis wird berichtet, daß die jüdische Bevölkerung große Todesfurcht zeige. Bei Begräbnissen macht die Totenklage einen geradezu entsetzlichen Eindruck. Bei der Beerdigung eines Mannes werden Gebete gelesen und Psalmen gesungen: bei derjenigen einer Frau geschieht dies nicht. Line Witwe muß sich bei der Leichenfeier ihres Gatten blutige Wunden beibringen. Im ersten Jahr nach seinem Tode darf sie in keinem Bett schlafen und auf keinem Stuhl sitzen. — Bei einer Rabbinerversammlung in Rochester war von Missionsbestrebungen im Judentum die Rede. Dr. Moses behauptete, daß das letztere „auch eine Missionsreligion" sei. Er bezeichnete es als die erste Missionsaufgabe, die Juden zu wirklichen Inden zu machen, und verlangte u. a., jede Gemeinde solle Missionsschulen errichten, wie dies von den christlichen Gemeinden geschehe. Herausgeber: Prediger w. Becker, Friedenau-Berlin, Hauffstraße J3. Verlag: Goßnersche Missionsbuchhandlung, Friedenau-Berlin. Jahrespreis: 80 Pf. Druck von 3. Mindolff, Berlin S.W., Lharlottenflraße 88.