Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 50 (1894)
- Issue
- 10 (1894)
- Date
- 1894-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Zügen gefurcht, verschwindet in einem ungeheuren und niemals gekämmten Bart. In einem singend-klagenden Tone erzählt jeder einzelne eine Geschichte von schmerzhaften Leidensfällen, die, wenn er nicht unterbrochen wird, nie ein Ende nimmt. In weiter Länderferne geboren, haben sie ihr Geburtsland verlassen, um der Krankheit zu entfliehen, die sie von der Kindheit an ergriffen hat. Aber noch niemals haben sie das Heilmittel gefunden, das sie suchen. Ganze Länder und Weltteile durchlaufen sie zu Fuß in Regen und wind, in Frost und Loitze, nur kurze Rast suchend in Krankenanstalten oder Unterstützungshänsern. Zahllose Kranke dieser Art wurden in der Salpetriöre photographiert und wiesen eine vollständige Ähnlichkeit in den Zügen, der Haltung und dem äußeren Aussehen mit den alten Holzschnitten auf, welche den ewigen Juden der Legende darstellen. Angesichts dieser unveränderten Gleichförmigkeit der Abbildungen darf man annehmen, daß die Künstler der vergangenen Zeiten nach der Natpr gezeichnet haben. Selbst das Kostüm ist nahezu dasselbe geblieben: der lange Reiserock, die kleine, schwarzseidene Kappe unter dem breitrandigen Filzhut. Die Kranken sind immer vielsprachig und bestätigen das, was in den Chroniken des J6. Jahrhunderts und später vom „ewigen Juden" gesagt wird: „Er spricht immer, wo er auch sein mag, die Landessprache." Sie besitzen nie mehr als fünf Sous <20 Pfg.) auf die Person; diese aber haben sie stets und ergänzen sie nicht etwa durch Betteln, das infolge ihres traurigen Aussehens einträglich sein könnte. Diese Summe ist ihnen in den jüdischen Unterstützung-anstalten überall sicher. Mehr bedürfen sie nicht. Unsere Vorfahren haben aus dem umherschweifenden Nervenleidenden einen Thürhüter des Pontius Pilatus gemacht, der den Heiland mit einem Faustschlag antrieb, weil die Physiognomie aller dieser ewigen Juden das Leiden, die Erschöpfung und Verzweiflung ansdrückt, wie sie einer solchen Individualität entspricht. Besonders bemerkenswert sind die tiefen Furchen der Stirn, die sich auf allen Bildern und bei allen Kranken in derselben eigentümlichen, abschreckenden Zeichnung wiederfinden und die sich in das darüber gestrichene Haupthaar verlieren. Nase und Lippen werden von den Wangen durch eine Furche getrennt, welche tiefe Herzensangst zum Ausdruck bringt. Der gekrümmte Rücken und der unsichere Schritt vervollständigen das Bild eines ruhelosen Mannes, der von inneren (Dualen gepeinigt wird, eines runzligen Greises von unerkennbarem Alter, der mit wehmütigem Haß die Mauern der Städte anscha.nt, die er betritt, um sie wieder zu verlassen. Das Nervenleiden derjenigen, welche in der Salpötriöre beobachtet wurden, hatte angeblich dieselbe Ursache einer plötzlichen und heftigen Gemütserschütterung. In dem einen Falle war dies ein Blitzschlag, in einem andern eine Feuers- oder Wassersgefahr oder der Tod eines Nahestehenden. Immer ist es eine Angst, welche derjenigen gleicht, die den Karto philus befiel und in seine Heimat fliehen ließ. Kartophilus wird auch als ein reicher kranker Jude dargestellt, der von weither kommt, angezogen von dem Rufe der Heilkraft des Erlösers. Er trifft gerade im Augenblicke des Marterganges in Jerufalem ein und ruft nun bei diesem Anblick höhnisch aus: „Der will andern helfen und kann sich selbst nicht helfen!" Alsdann pilgert der enttäuschte Kranke,.weiter, um einen neuen Retter aufzusuchen. Sieht man hier nicht eine sprechende Ähnlichkeit zwischen dem ewigen Inden der Legende und den jüdischen Nervenleidenden, die, angezogen durch den Ruf einer großen heilkräftigen Persönlichkeit, voll Hoffnung und vertrauen des Arztes Vorschriften verlangen, bald aber davon zurückkommen,. mißtrauisch werden, dann überall einen andern mächtigeren Zauberer suchen und niemals finden? Am Schluß seines Vortrages fragt Meige, ob es unmöglich sei, dies Leiden zu heilen, und antwortet: „Gewiß nicht. Man kann durch eine zutreffende Behandlung eine nahezu fühlbare Besserung erzielen, aber diese Besserung wird immer nur vorübergehend sein. In der „herumziehenden Neuropathie" wird immer ein gewisses Geheimnis bleiben, das die Wissenschaft nicht lösen kann, und das denjenigen das Feld freimacht, welche die Ursache ans übernatürlichem Gebiete suchen." Arrickfehfer. In Nr. 8, S. 62, Z. 2 von unten ist zu lesen: Umgebung — statt Übung. Herausgeber: Prediger w. Becker, Friedenau-Berlin, Hauffstraße ß. Verlag: Goßner'sche Missionsbuchhandlung, Friedenau-Berlin. Jahrespreis: 80 Pf. Druck von g. windolff, Berlin SW., Charlotten straße 83.