Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 47 (1891)
- Issue
- 3 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gin Monalsblatt für Israeliten und Freunde Israels. 47. Jahrgang. 1891. Inhalt: Ein jüd. Gläubiger. — Uebergänge. — Zur Erklärung von Ioh. \3 ff. — Die Londoner Iudenmiffion in Breslau 1l890. — Bücherbericht. — Zur Statistik. — Empfangsbescheinigung. Ein jüdischer Gläubiger. Line fromme christliche Witwe wurde, wie sie selber im „ Christen - boten" (J890 Nr. 52) schreibt, eines Tages durch den Brief eines Israeliten ganz niedergeschmettert. Der letztere verlangte 250 Mk., die ihr verstorbener Mann ihm für eine Bürgschaft schuldig war, und drohte der Frau mit dem Verkauf ihrer ganzen Habe, falls sie nicht binnen acht Tagen bezahle. Sie wandte sich an den Allmächtigen, aber Gott verzog mit seiner Hilfe. Nirgends fand sich jemand, der ihr die Summe vorstrecken wollte. In der Nacht vor dem Tage, an welchem der Jude erwartet wurde, schrie sie aus der Tiefe ihres Herzens zum HLrrn und berief sich darauf, daß er noch heute Wunder thun könne. Als sie ihr Losungsbüchlein aufschlug, fielen ihre Augen auf den Spruch: „Sei stille dem HLrrn und warte auf Ihn." Auch am Morgen des verhängnisvollen Tages gereichte ihr die Losung zum Trost. Dieselbe lautete: „Fürchte dich nicht! Glaube nur!" Noch einmal macht sie einen Versuch, das Geld geliehen zu erhalten. Ls ist wieder vergeblich. Nachhause zurückgekehrt, erfährt sie, der Gläubiger sei erschienen und warte schon eine Stunde auf sie. „Lr macht so ein böses Gesicht," fügt das Töchterlein der armen Frau, das diese Botschaft bringt, hinzu. Da zieht sie sich noch einmal in die Stille zurück, um Gott anzurufen, er möge das Herz des strengen Mannes lenken. Als sie ihre Wohnung betritt, sitzt der Jude an ihrem Nähtisch und hat das Losungsbüchlein in der Hand. Lr steht auf, grüßt sie und sagt: „warum bezahlen Sie mich denn nicht? Sie wissen doch, daß ich Ihnen alles verkaufen lassen kann?" „Ja", antwortet sie. „Ich weiß es. Aber Sie dürfen das nicht thun." „Glauben Sie das so gewiß?" „Ja," versetzt die weinende Witwe. Da sagt der Gläubiger: „Trocknen Sie nur Ihre Thränen, arme Frau! Ich bin kein so harter Mann. Ich habe mich nach Ihnen erkundigt und gehört, daß Sie sich und die Ihrigen mit Lhren durchbringen. Dort habe ich in Ihrem Büchlein gelesen und dann gedacht: „Abraham, du bist ein reicher Mann. Die Witwe darfst du nicht drücken." Ich hab's an den heutigen Tag hingeschrieben, was Sie mir noch schulden. Sie können's bezahlen, wie Sie wollen und können. Und jetzt leben Sie wohl! Ich wünsche Ihnen Glück und Segen." Mit freundlichem Händedruck entfernte sich der Gefürchtete. Als die Witwe das Losungsbüchlein aufschlug, las sie am Rand: „Sie schulden 250 Mk., bin zufrieden mit \00 Mk."