Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 45 (1889)
- Issue
- 7 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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lbre Wmech ♦ Gin Monatsblatt für Israeliten und Freunde Israels. Ur. 7. — 45. Jahrgang. — 1889. V Inhalt: Nur ein Jude. — Das 8b Iahresfest. — Iudenchristliche Heidenmissionare. — Löwen sollen Lämmer werden. — Fr. Godet über Röm. 9 — U. — Aus Briefen von Missionsfreunden. — Frage nicht nach den Erfolgen. — Bücherbericht. ' Uur ein Jude! Am Ufer der Weichsel bei Krakau stand eine große Menschenmenge. Lin junger Mann war in den Fluß gefallen und suchte mit Ausbietung der letzten Kraft das Land wieder zu erreichen. Aber niemand kam ihm zu Hilfe. „Laßt ihn ertrinken!" riesen die Zuschauer. „Ls ist ja nur ein Jude." Ja, wie in einem Tone des Triumphes klang es: „Nun geht's aus mit ihm. Lr sinkt unter." Da durchbrach ein Jüngling die Menge, die ihn zurückhalten wollte, stürzte sich ins Wasser und brachte den Bewußtlosen ans Ufer. Die Umstehenden belohnten diese edle That mit Spottreden, hatte sie ja doch nur einem Juden das Leben gerettet! plötzlich hörte jedoch der Spott auf, denn man erfuhr, daß der Gerettete ein Christ und fein Netter ein Jude war! In unserer Zeit, wo Haß und herzlose Gleichgültigkeit gegen die Juden so weit verbreitet sind, thut es not, daran zu erinnern, daß viele Juden uns Christen durch ihre weitherzige Barmherzigkeit übertreffen und beschämen. Während wir uns gerne von dem notleidenden Mitmenschen zurückziehen, wenn er „nur ein Jude" ist, wird auf jener Seite vielfach auch dann die Pflicht der Nächstenliebe mit.Freuden erfüllt, wenn es sich „nur" um einen Christen handelt. In einer Sommernacht des Jahres \888 fuhr eine Dame, unsere Berichterstatterin, auf der Lisenbahn von Frankfurt a. M. nach Kassel. Der Wagen war ganz gefüllt. Auch eine christliche Frau mit ihrem Kinde saß darin. Das letztere wünschte zu schlafen und sich auf die Bank zu legen. Um dies in dem dichtbesetzten Wagen möglich zu machen, erhob sich eine junge Jüdin von ihrem Sitz und begnügte sich mit einem Stehplatz. Line Mitreisende rief ihr zu: „Das halten Sie nicht aus, die ganze Nacht zu stehen!" Aber sie ließ sich nicht beirren. — Die gleiche Selbstlosigkeit bewies eine jüdische Frau zu Breslau in der Weihnachtszeit des vergangenen Jahres. Line christliche Lehrerin war in der Nähe ihres Dauses vom Schlage getroffen worden. Da nahm die Jüdin die Schwerkranke in ihre Wohnung auf, ließ einen Arzt kommen und versorgte sie liebreich, bis sie in ihr eigenes Heim befördert werden konnte, wo sie bald darauf starb. _— In Groß-Gerau bei Darmstadt hatte ein armer Lahmer das Unglück, auf der Straße zu fallen, und war unfähig, sich allein wieder auszurichten. Diele Leute