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Dibre Emeth · 1888-01-01 · 4 (1888) · page 2

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Journal
Dibre Emeth
Volume
44 (1888)
Issue
4 (1888)
Date
1888-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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erfreut, zu sehen, daß ein so gebildeter Deutscher dem jüdischen Religionswesen so viel Teilnahme entgegenbringe. R. antwortete: „Wenn Sie wüßten, wer ich bin, würden Sie mich nicht so fteundlich behandeln, sondern mich vielleicht hassen und schmähen. Ich bin ein christlicher Missionar, ausgesandt, um den Juden das Evangelium von Christo zu predigen." Aber der Jude versicherte: „Obwohl ich zu den Orthodoxen gehöre, würde ich Sie besuchen, wenn Sie sich in Krakau niederließen." Er hörte dann auch aufmerksam zu, als ihm das Evangelium verkündigt wurde. — Ein junger Mann besuchte den Missionar im Gasthaus und erhielt auf seine wiederholte Bitte ein hebräisches Neues Testament. Später erfuhr R., daß dieser Forscher den ihm erteiltM Rat befolgt habe und mehrfach bei dem protestantischen Geistlichen gewesen sei, um sich von ihm unterrichten zu lassen. Mit eigenen Gefühlen betrat der Reisende seine Geburtsstadt Lemberg, die er 23 Jahre früher verlassen hatte. Manche Verwandte und Bekannte von ihm wohnen noch dort. Merkwürdigerweise traf er auf seinem ersten Gange durch die Stadt mit einem der alten Freunde zusammen. Im Blick auf die Handschuhe des Missionars, die den rabbinischen Vorschriften nicht entsprechen, meinte, jener: „Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände." Er erkundigte sich dann, ob R. inzwischen reich geworden sei. „Ja," gab dieser zur Antwort, „ich bin einer der reichsten Männer in Deutschland." „Aber wie kommt es," fragte der ehemalige Freund weiter, „daß ein reicher Mann wie Du eine stählerne Uhrkette trägt statt einer goldenen?" Nun offenbarte ihm der Missionar das Geheimnis der Glückseligkeit, die er genieße, seitdem er in Jesu den Messias gefunden habe. Kurze Zeit hörte der Jude zu, dann aber eilte er davon. — Bei den zahlreichen Gesprächen, die R. in den folgenden 4 Wochen mit Lemberger Israeliten führte, behandelte man ihn fast immer freundlich. Einst sagte ihm ein jüdischer Kaufmann: „Gehen Sie auf die Straßen und Gassen und predigen Sie unserem Volke dasselbe Evangelium, das Sie mir verkündigten, und Gott segne Sie!" — In der Wohnung seines Bruders hielt R. manchmal noch in später Abendstunde mit diesem und dem Schwiegersohn desselben Bibelbesprechungen, die den beiden Israeliten das Zugeständnis abnötigten: „Niemand kann mit Gewißheit sagen, daß Jesus nicht der Messias war." — Als der Missionar eines Tages durch eine Straße kam, hörte er Klagegeschrei und Weinen. In der Nähe befand sich der alte jüdische Friedhof, und dort stand eine Anzahl Juden und Jüdinnen, die den verstorbenen Rabbinern mit Thränen und Geschrei ihre Verehrung bezeugten und sie um Vergebung ihrer

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