Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 44 (1888)
- Issue
- 1 (1888)
- Date
- 1888-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Äußerlich ging es ja freilich verhältnismäßig sehr unscheinbar zu an jenem Tage, den wir im Sinne haben, jenem Freitag vor Ostern, dem 14. Nisan des Jahres 29 —? oder nach alter Rechnung 33 nach Christi Geburt. In dem weiten römischen Reiche ging an diesem Tage alles seinen gewohnten Gang. Kein Mensch wußte oder ahnte auch nur die unermeßliche Bedeutung dieses Tages, daß an ihm das verlorene Menschengeschlecht auf dem ganzen Erdkreis, einschließlich aller, die schon gelebt hatten und die noch kommen würden, erlöst, erworben, gewonnen werden sollte. Nur dem Wanderer im heiligen Lande, der etwa in den Mittagsstunden dieses Tages von Nordwesten her nach Jerusalem hineinpilgerte, bot sich auf einem Hügel unmittelbar vor den Thoren der Stadt ein etwas ungewöhnlicher Anblick dar. Es waren da drei Schandpfähle errichtet, — Kreuze, wie sie die Römer zur Hinrichtung gemeiner Verbrecher zu verwenden Pflegten. Und an jedem derselben hing ein armer Verurteilter. Ringsherum stand, wie das ja so zu gehen Pflegt, eine gaffende Menge, unter der etliche noch laut ihrem Unwillen über die Gekreuzigten Luft machten. Insbesondere mußte der mittelste unter ihnen wohl ein arger Übelthäter sein; denn wider ihn kehrte sich der Grimm der Vorübergehenden anscheinend ausschließlich. Indessen, was lag auch in der Hinrichtung solcher Missethäter so gar Besonderes? Es mag damals öfter geschehen sein, daß man dergleichen zu sehen bekam. So bot also eigentlich selbst dieser Hügel bei Jerusalem für den vorbeigehenden Fremden kein so gar außerordentliches Schauspiel dar. Und es bleibt demnach dabei, daß äußerlich dieser Tag nicht größer, nicht geringer erschien als andre Tage. Und doch, und doch fielen in ihn die ausschlaggebenden Stunden, in welchen sich das Geschick der ganzen Welt, aller Zeiten und aller Geschlechter entschied. Es war der große Versöhnungstag der Erde, und eben jener mittelste dort unter den Gekreuzigten, der, über welchen sich die ganze Lauge des Spottes und Ingrimmes der Umstehenden noch in seinem Tode ergoß, war — der Versöhner, das Lamm, welches der Welt Sünden büßte! Siehe, in welches niedrige und unscheinbare Gewand kleidet doch Gott gerade das Höchste und Größte in seiner Weltregierung! Aber macht er's nicht immer so? Gesetzt den Fall, du wärest von ihm einmal in den Weltenraum geführt worden und hättest raten sollen, auf welcher von all den Sonnen, Planeten und Fixsternen er wohl die größten Offenbarungen seiner Liebe geben würde: wärest du je darauf gekommen, die verhältnismäßig so winzige Erde zu nennen? Und wenn er dich dann auf die Erde geführt und wiederum hätte wählen lassen, an welchem Orte der-