Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 43 (1887)
- Issue
- 12 (1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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90 besteht zur Zeit nur aus 2—3 Familien, welche einige Male jährlich von dem reformierten Pastor aus Wilna besucht und in polnischer Sprache bedient werden. Ich kann den wehmütigen Eindruck nicht vergeffen, den der Besuch dieser Kirche auf mich gemacht hat. Am Sarge des Fürsten Radziwill schwebte mir die ganze glänzende Vergangenheit derselben vor der Seele. 8io trunsit gloria mundi! — Keidany hat auch eine kleine lutherische Gemeinde mit einem eigenen Pastor. Auch diese verdankt ihren Ursprung und ihre erste Entwickelung dem Fürsten Radziwill, dem Gideon der polnischen Reformation. Der Missionsgottesdienst zu Keidany fand am 5./17. Juni um 6 Uhr abends statt. Da die lutherische Kirche außerhalb des Stäbchens liegt und für diesen Zweck überhaupt zu klein gewesen wäre, so beschlossen der Ortspastor und der Kirchenvorsteher, den Missionsgottesdienst in der sehr geräumigen, im Mittelpunkte des Städtchens belegenen reformierten Kirche zu veranstalten. Als ich um 6 Uhr mit dem lutherischen Pastor und dem Kirchenvorsteher in die große Kirche trat, fand ich sie zu meiner nicht geringen Überraschung schon fast ganz gefüllt. Es waren aber keine Lutheraner und keine Reformierten, welche die Kirche so zeitig besetzt und gefüllt hatten, sondern Juden, leibhaftige orthodoxe Juden, mit langen Röcken und Bärten. Nur gegen 100 evangelische Christen sollen in der Kirche gewesen sein, dagegen 6- bis 800 Juden aus allen Ständen: Kaufleute, Handwerker, Lehrer, Talmudschüler, außerdem auch Mädchen und Weiber. Man kann sich mein Erstaunen denken. Seit 11 Jahren predige ich dem Volke Israel das Evangelium, aber so viele Juden habe ich bisher noch in keiner Kirche versammelt gesehen. Es mag sein, daß ihrer viele aus bloßer Neugier erschienen waren, aber ohne Zweifel befanden sich unter ihnen auch viele heilsbegierige Seelen, die das Verlangen nach dem Worte Gottes dorthin geführt hatte. Das schien auch aus den Gesichtszügen und der ganzen Haltung einzelner hervorzugehen. Mit zagendem Herzen bestieg ich die Kanzel; denn ich hatte mich auf eine vor Christen, nicht aber vor Juden zu haltende Predigt vorbereitet. Betend seufzte ich im Stillen zum Herrn: O Herr, der Du verheißen hast: „Es soll euch zu derselben Stunde gegeben werden, was ihr reden sollet!" (Matth. 10, 19) und „Der heilige Geist wird euch zu derselben Stunde lehren, was ihr sagen sollet!" (Luk. 12,12) — hilf mir, angesichts der vielen, lebendig und kräftig von Dir zu zeugen und laß alles wohl gelingen zur Ehre Deines Namens! Und mein Herr und Gott hat mich nicht zu Schanden werden lassen. Freudigen und unerschrockenen Herzens predigte ich den Versammelten über eine Stunde lang das Evan-