Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 43 (1887)
- Issue
- 5 (1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dir zeigen will." So machte er's denn gerade so wie der alte Patriarch, befragte sich auch nicht erst mit Fleisch und Blut, sondern lieh der Stimme des Herrn ein williges Ohr und schnürte sein Bündel. Noch einmal betete er in dem alten Gotteshause seiner Väter, noch einmal ging er hinaus zu den Gräbern seiner Eltern, dann nahm er Abschied von seinen drei Brüdern, die ihn unter Thränen beschworen, im Lande zu bleiben, griff dann zu Hut und Stock und wanderte fröhlichen Gemütes auf und davon; stand doch in seinem „Wanderbüchlein" schwarz auf weiß geschrieben: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser; er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Thal, so fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab tröstet mich." Und wie es in dem Wanderbuche geschrieben stand, akkurat so geschah es auch. Der Herr zeigte sich auch diesmal wieder als einen guten Hirten, er leitete wirklich den Wandersmann auf rechter Straße, führte ihy zum frischen Wasser und weidete ihn auf einer grünen Aue in einer Weise, wie es der Levi Jeremias nicht ahnen konnte, als er aus dem Thore von Zamoth in die Ferne zog. Gott führte ihn nach Deutschland hinein, und als er nach der guten Stadt Merseburg gekommen war, da sagte der gute Hirte zu ihm, aber so leise, daß nur er es verstand: „Nun, Levi Jeremias, du wirst jetzt müde sein von der weiten Reise, hier kannst du sttllestehen und rasten und dir, wenn du willst, eine Hütte bauen! Zaudre nicht, es soll dein Schade nicht sein!" Wieder ließ sich das der Jude nicht zweimal sagen, legte den Knotenstock beiseite, that sein Bündel von der Schulter und siedelte sich in Merseburg an, aber freilich nicht als jüdischer Schulmeister, denn hier gab es schlechterdings nichts für ihn zu schulmeistern, da er der einzige Jude in der ganzen Stadt war. Er legte vielmehr einen kleinen Handel an, führte aber weder falsche Wage, noch falsche Elle, sondern war und blieb ein braver, rechtschaffener Mann, der wegen seines stillen und ehrsamen Wandels bei jedermann wohl gelitten war. Daneben vergaß er aber über den harten Thalern, die er einnahm, auch sein hebräisches Bibelbuch nicht, sondern las darin in mancher freien Stunde, die ihm sein Geschäft übrig ließ. Da er als einziger Israelit riygs von lauter Christen umgeben war, so konnte es nicht fehlen, daß das Gespräch manchmal auf Glaubenssachen kam. Ost genug versicherte der Jude, daß er bei seinem Glauben volle Befriedigung finde und daß er darauf