Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 43 (1887)
- Issue
- 2 (1887)
- Date
- 1887-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Dibre Gmeth oder Stimmen der Wahrheit an Israeliten und Freunde Israels. Begründer: I. C. Hartmann. Herausgeber: 28. Becker. Nr. 2. 188V. 43. Jahrgang. Inhalt: Gott hat sein Volk nicht verstoßen. — Napoleon I. als Prediger des Christentums. — Neue Judenmissionsblätter. — Anzeige. Gott hat sein Holk nicht verstoßen. Es war im Herbst, so erzählt ein früherer Rabbi, der nun unter seinen Volksgenossen das Evangelium von Jesu, dem Christ, ausstreut, als ich bei Nacht zu einem Kranken gerufen wurde. Das Haus war mir nicht unbekannt. Schon oft hatte ich dort gesessen und mit dem Hausherrn mich unterhalten. Es war mein alter jüdischer Hausarzt, einst mein bester Freund, als ich noch Rabbiner war, und nun mein eifrigster Gegner. So oft wir einander sahen, waren wir unwillkürlich, ehe wir's uns versahen, in ernste religiöse Gespräche verwickelt. Doch schienen dieselben wenig Erfolg zu haben, denn er blieb nach wie vor „ein tugendhafter Mensch." Er war wegen seiner Tüchtigkeit und Liebenswürdigkeit von vielen geehrt und geliebt. Die Leute sagten es ihm immer, wie sehr gut er sei, und er glaubte es auch selbst. Nun hatte er einen Neffen, den er sehr liebte, und der sein Erbe werden sollte, da er selbst unverheiratet war. Dieser Primaner des Gymnasiums war eines Tages in unserer evangelischen Kirche, als ich gerade bei Gelegenheit einer Schulfeier über die Worte des Herrn Jesu predigte: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so ihr nicht umkehret und werdet wie die Kindlein, so könnet ihr nicht in das Reich Gottes kommen." Ich handelte von der Frage, die alle Menschen beschäftigt: Was soll aus mir werden? Jeder will etwas werden, und die Welt giebt den Menschen ein, etwas recht Großes zu werden. Der Herr Jesus aber lehrt uns zu fragen: Was soll ich thun, daß ich selig werde, und zeigt, daß wir, um selig zu werden, zuvor klein werden müssen. Die Welt zieht groß, der Herr zieht klein. Wir müffen durch die Selbsterkenntnis ganz arm und elend in uns werden,