Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 41 (1885)
- Issue
- 10 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 bald den Christian wieder rufen und fragt ihn: „Christian, willst du wieder fahren?" — „Warum denn nicht? Aber darf ich auch lesen?" — „Ja, meinetwegen kannst du lesen!" — „Auch laut lesen?" — „Kannst laut lesen." — Und der Christian fuhr wieder seinen alten Juden und las in seiner Bibel, und jener mußte zuhören durchs Alte und durchs Neue Testament hindurch. — Und fuhren die beiden miteinander noch manches liebe Jahr. Da begab sich's, daß der Jude krank ward und immer kränker. Man sah, es ging aufs Letzte. Seine Freunde standen teilnehmend um sein Bett herum. Ihm aber war so angst und bang, und er seufzte immer nur: „Meine Sünden! Herr, du gerechter Gott, meine Sünden!" Jene trösteten ihn, daß er ja doch im ganzen immer ein ehrlicher Mensch gewesen, und wenn er einen betrogen habe, so wäre es doch nur ein Christ gewesen, und daß er es doch zu einem hübschen Vermögen gebracht habe u. dgl. m. „Ja," rief er, „gerannt und geritten genug, nach sechs Brettern und einem Leichentuch!" Dann nach einer Pause verlangte er plötzlich: „Der Christian soll kommen." — Der kam. — „Christian, bete!" Da kniet der treue Knecht an seines Herrn Bett nieder und betet laut und inbrünstig zu Christo, dem barmherzigen Heiland, der auch den Schächer noch in der letzten Stunde angenommen: er möchte sich doch auch über seinen lieben alten Herrn erbarmen. Der Alte auf seinem Bette wird immer stiller. Als der Christian dann wieder aufstand vom Beten, drückte er ihm die Hand, dann nach oben schauend, ruft er mit seinem letzten Odem aus: „O Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" Die Juden, die dabei standen und das hörten, hielten sich die Ohren zu und liefen laut schreiend zur Stube hinaus. Dem alten Christian aber läuft, während er seinem Herrn die Augen zudrückt, eine Thräne die Backe herab. Er hatte seinen Herrn mit seinem treuen Bekenntnis in den Himmel gefahren. Das ist Judenmission. Treue in Bekenntnis und Wandel zu Christo, dem Herrn, daß es auch einem Juden, wenn ihm die Stunde der Heimsuchung schlägt, wie ein Stern in dunkler Nacht aufgeht: „Es ist in keinem Andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darin wir mögen selig werden, denn der Name Jesu Christi". _ Missionar H. A. Stern. Heinrich Aaron Stern wurde den 11. April 1820 zu Unterreichenbach bei Gelnhausen (Hessen-Kassel) geboren. Seine Eltern, Aaron und Hanna Stern, waren eifrige Genossen des jüdischen Glaubens. Von Heinrich, dem jüngsten ihrer Kinder, wünschten