Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 41 (1885)
- Issue
- 2 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Paulus ist plötzlich'— Nikodemus allmählich bekehrt worden. In die innere Entwickelung des letzteren lassen uns drei Stellen des Evangeliums Johannis Hineinblicken. Joh. 3 wird von dem geheimen nächtlichen Besuch erzählt, den der vornehme Pharisäer dem von Gott gekommenen Lehrer und Wunderthäter macht. Es hat den Mann mit unwiderstehlicher Gewalt getrieben, zu Jesu zu gehen, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. War jener Trieb nur Neugierde, oder war er Verlangen nach dem Heil? Jedenfalls ist Jesus seinem Gast als Heiland entgegengetreten und hat ihm die Lehre vom Heilsweg verkündigt (Vs. 3 ff.) Auch dieser Seele stand sein erbarmendes Herz o.ffen. „Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen". — Daß des Herrn Worte bei Nikodemus nicht auf einen hartgetretenen Boden, nicht auf das Steinichte, nicht unter die Dornen, sondern auf ein gutes Land gefallen sind, zeigt schon Kap. 7, 45—52. Nach der ersten Unterredung mit Jesu hat dieser Oberste der Juden angesangen, ein anderer Mensch zu werden. Er nimmt sich im Hohenrat des Mannes an, der ihn über die Wiedergeburt unterrichtet hat. Man war übereingekommen, den gefährlichen Nazarener greifen zu lassen, weil viele ihn für den Messias hielten (Vs. 31 f.). Aber die Knechte kehrten unverrichteter Sache zurück; statt des von ihren Auftraggebern dem Tode geweihten Propheten brachten sie ein Zeugnis zu Gunsten desselben mit: „Es hat nie kein Mensch also geredet wie dieser Mensch." Und nun läßt Nikodemus die Frage folgen: „Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkennt, was er thut?" — Sollte jemand noch zweifeln, ob dieser Aeußerung wirklich eine Hinneigung zu Jesu zu Grunde lag, so giebt die dritte Stelle, Kap. 19, 38—40, die Entscheidung in unserm Sinne. Wie groß erscheint hier die Liebe des Pharisäers zu dem Heiland! Jetzt, wo der von Juden und Heiden Verstoßene am Kreuze hängt, legt er nicht nur ein Wortsondern ein Thatbekenntnis zu seiner Ehre ab. Die Funken sind zur hell lodernden Flamme geworden. Nikodemus hat den Mut, sich vor aller Welt als einen Anhänger des Gekreuzigten zu bezeichnen. Er bringt Myrrhen und Aloen unter einander bei hundert Pfunden (Litrai) — zur Einbalsamierung des Leichnams. (Ob die nicht im Neuen Testament enthaltene Nachricht von der wegen seines christlichen Bekenntnisses erfolgten Verbannung des Nikodemus aus Jerusalem und von seiner Aufnahme in einem Landhause des Gamaliel (Gamliel I.) auf Thatsachen beruht, lassen wir dahingestellt sein.) Vielleicht giebt es unter unfern Lesern solche, die noch auf der ersten der drei eben nachgewiesenen Entwicklungsstufen stehen,