Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 39 (1883)
- Issue
- 11-12 (1883)
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 habe ihn gesehen. Und eben daher ist es auch erklärlich, wenn Arias berichtet, daß man sich in einer Stadt mit 3000 Juden oft die größte Mühe geben muß, um die nach jüdischem Gebrauch für den Gottesdienst in der Synagoge erforderliche Zahl von zehn Männern zusammenzubringen. Viele Gemeinden sind ohne Rabbinen und dieselben haben auch nicht einmal den Wunsch, einen solchen zu besitzen. Bücher, die den Unglauben lehren oder frivolen Inhalts sind, werden am liebsten gelesen. Auf das Anerbieten, ein religiöses Buch zu kaufen, antwortete ein anständiger Jude dem Missionar Arias: »Wenn Sie mir zu jedem Buche zwei Franks dazu geben, dann will ich sie nehmen!« Und seine Frau fügte hinzu: »Es ist nutzlos, von Religion zu sprechen. Wir sind Rationalisten, und Niemand kann unsere Grundsätze erschüttern. Mein Vater war ein Rabbi, er ist noch nicht lange todt und starb als Rationalist, ebenso aber wünschen wir auch zu sterben.« Wie soll da die Hilfe kommen? Das ist die Frage, welche besonders von manchen Rabbinern hin und her aufgeworfen wird. In Galizien hielten die Orthodoxen einen Kongreß ab, welcher darüber berieth, wie dem wachsenden Unglauben, und dort meinte man damit den Abfall vom Talmud, zu steuern sei. Aber die Berathungen und Beschlüsse dieser Versammlung, welche dem päpstlichen Bann und Interdikt ganz ähnlich lauteten, haben den Riß nur größer gerissen. Orthodoxe und Moderne klagen nun einander bitter an, und jeder sucht die Schuld im andern, aber an Selbsterkenntniß fehlt es beiden Parteien im gleichen Maße. Die Chasidim überdem trennen sich völlig von den übrigen Juden. Dabei wächst die judenfeindliche Bewegung noch immer mehr. Missionar Hefter in Frankfurt a. M. weist auf die Thatsache hin, daß diese Bewegung sich offenbar vertieft habe und daß auf ihr Abnehmen nicht zu rechnen sei, da sie auch in die Kreise der Freigesinnten unter den Christen gedrungen sei und sich dort sichtlich immer mehr befestige. Die eigentlichen Bundesgenossen der Juden, die freigerichteten Christen, das betont er mit Recht, huldigen bereits in weitem Maße dem Antisemitismus. Die nächste Wirkung des Antisemitismus ist aber, wie alle Missionare die gleiche Beobachtung machen, ein desto engerer Zusammenschluß der jüdischen Massen untereinander.