Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 35 (1879)
- Issue
- 5-6 (1879)
- Date
- 1879-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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75 nur irgendwie und irgendwo einmal von der reinen Gottesliebe abgewichen sind; sie glaubten trotzdem, mit Opfern und Gebeten, mit Bereuung des Unrechts und guten Vorsätzen, mit frommen Gefühlen und Erfüllung religiöser oder bürgerlicher Pflichten, mit guten Werken und Beobachtung von Gesetzesbestimmungen Alles zwischen sich und dem heiligen Gott wieder in's Reine bringen zu können. Sie boten demselben anstatt der einen, unbefleckten Gerechtigkeit des ganzen Lebens tausenderlei einzelne Gerechtigkeiten an, und mit der ansehnlichen Summe derselben hofften sie ganz gewiß, Gott bezahlen zu können. Wo also genug eigene Gerechtigkeit zu erwerben war, mußte auch der Messias, falls man überhaupt nach einem solchen noch Verlangen trug, eine andere Gestalt, als sie der des Alten Testaments aufweist, annehmen. Zwar konnte man sich der Wahrnehmung nicht verschließen, daß der Messias in der Schrift doch auch viele Leidenszüge zeige, und man rieth nun hin und her, wie dieselben wohl zu dem Könige Messias paßten; man zerspaltete in der Verlegenheit selbst den einen Messias in zwei Personen: den leidenden Sohn Josephs und den herrlichen, siegreichen, königlichen Sohn Davids. Aber wenn es auch hin und wieder nicht an einem ergreifenden und tieferen Einblick in das Wesen eines Sünderheilandes mangelte, so fehlte es im Allgemeinen und auf die Dauer doch zu sehr an dem inneren Verftändniß für die Nothwendigkeit eines die Knechtsgestalt tragenden Messias. Jene zahlreichen einzelnen Gewissensregungen, welche zu dem Zeugniß führten: „Er ist um unserer Missethat willen verwundet", wurden durch die anderen Stimmen erstickt, welche den Juden sagten, daß sie ja Gottes heiliges Volk seien und seine Auserwählten, daß sie um ihn arbeiteten, daß sie sich mit seinen Gesetzen mühten, daß sie die Vertreter der rechten Gotteserkenntniß und die Diener Jehovahs wären. So blieb der Sünderheiland ihnen fremd und fern; statt der Vergebung suchte man Lohn durch die Gewährung eines eigenen, mächtigen Reiches und irdisch glücklicher Tage, und reichen Lohn schien am Besten ein herrlicher Messiaskönig gewähren zu können. Aus diesen inneren Anschauungen heraus also gewann jener Messias seine Gestalt, auf den die Juden warteten, nachdem sie Jesum Christum verworfen hatten. Auch dem Bilde dieses Messias fehlt es nicht an schönen und köstlichen Zügen, aber im letzten