Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 33 (1877)
- Issue
- 5-6 (1877)
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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72 im elften bis sechszehnten Jahrhundert aus den verschiedenen deutschen Ländern vertrieben wurden, eine Zufluchtsstätte, in welcher sie, wenn auch gedrückt, doch nie verfolgt und au ihrem Leben bedroht wurden. In dem durch die Türkenkriege zu wiederholten Malen verwüsteten und entvölkerten Polen wurden sie stets bereitwillig ausgenommen. So ist denn die zahlreiche jüdische Bevölkerung in all den früher polnischen Gebieten sehr natürlich, und ist dadurch auch erklärt, wie es kommt, daß in Oesterreich (ohne Ungarn), welches 880,000 Juden zählt, Galizien allein von ca. 575,000 Gliedern dieses Volkes bewohnt wird, und ebenso, daß in dem preußischen Staate in den ehemals zu Polen gehörigen Provinzen die jüdische Bevölkerung zahlreicher ist, als in den anderen Provinzen, allerdings mit Ausnahme der Provinz Brandenburg, was durch die Anziehungskraft der Hauptstadt Berlin sich von selbst erklärt. — Alle Großstädte nämlich — dies sei gleich hier erwähnt — haben eine unverhältnißmäßig große jüdische Bevölkerung; so wohnen in Paris allein die Hälfte aller französischen Juden. — Von Polen aus aber wanderten natürlich, besonders während des letzten Jahrhunderts, sehr viele Juden in Rußland ein, welches ihnen seitdem offen stand, indem ihnen nur zeitweise einzelne Städte verschlossen blieben. Doch muß hier auch das ehemalige Chasarcn-Rcich in Süd- Rußland in Betracht gezogen werden, welches sich an der südlichen Wolga bis zum Don und darüber hinaus erstreckte. In diesem Reiche trat um die Mitte des achten Jahrhunderts der Chakan, wie der Titel seiner Fürsten lautete, mit den Großen des Volkes zum Judenthum über, so daß mehr als zwei Jahrhunderte lang jüdische Fürsten dort regierten. Zwar war immer nur der erste Minister ein Jude, während die übrigen Großwürdenträger ohne Rücksicht auf die Religion ernannt wurden, aber dennoch ist es selbstverständlich, daß eine solche Regierung der Ausbreitung des jüdischen Volkes sehr günstig war, so daß bei der Eroberung des Reiches durch die Russen jedesfalls eine bedeutende Anzahl Juden der russischen Bevölkerung einverleibt wurde. Man behauptet sogar, daß die Reste jener jüdischen Bevölkerung noch heute in den Karaiten, der Krim zu erblicken sind. Wie dicht zum großen Theil die jüdische Bevölkerung besonders in den früher polnischen Gebieten Rußlands ist, ist daraus zu ersehen, daß in den zehn Gouvernements des sogenannten Königreichs