Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 31 (1875)
- Issue
- 11-12 (1875)
- Date
- 1875-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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190 liehen Freund, meinen ersten Talmudlehrer, nach dem ick schon so lauge in Wilna vergeblich geforscht hatte. Ich grüßte den 74jährigen Greis mit dem üblichen Fricdeuögruß: Scliakmi alechem, Rabbi! nud wollte seine Hand ergreifen, die mir aber vom Sohne schnell entzogen wurde, indem er auf meinen Gruß: „Friede sei mit Ench, Rabbi!" bitter antwortete: „Die Gottlosen haben keine» Frieden". — Ich: „Doch auch die brauchen den Frieden und können ihn erlangen." „Laß ab, mein Sohn, von Deinem Zorn, das bringt nichts Gutes," sprach der Alte sanft, „gedenke, was die talmndischen Weisen sagen: Wer da zürnet, ist, als ob er Abgötterei triebe.^ Unterdessen lichtete sich ein wenig der Raum zur Rechten, Vater und Sohn, von dem herannahenden Wagen und dem wogenden Menschenstrom gedrängt, wollten sich in einen Dnrchgangshof flüchten, als plötzlich der Alte einen Fehltritt that, niederstürzte und sich den rechten Arm brach. Der Sohn Hatte wahrscheinlich des Vaters Arm losgelassen. Nun war er in Verzweiflung, da ich natürlich der Erste war, welcher znsprang, dem Verunglückten zu helfen; ich holte einen Wagen, um den Alten in's Hospital zu bringen. Dort angelangt, sprach ich den Arzt, den ich zufällig kannte, und bat um Aufnahme für den Verunglückten. „Ist nicht möglich!" war die Antwort. Alle Vorstellungen lind Bitten meinerseits blieben vergeblich. Der Arzt ertheilte mir nur den guten Rath, im Gasthanse daneben ein Zimmer zu miethen und den Ulten da zu plaeireu, wo er ihn leicht besuchen könne. Das geschah nun, der Arm wurde znrechtgestellt und verbunden, die nöthige» Einrichtniigen getroffen, und ich saß beim Kranken, bis er einschlief. Am andern Morgen, als ich in sein Zimmer trat, fand ich den Kranken betend und allein, denn sein Sohn war zur Synagoge gegangen. Nach vollendetem Gebete erzählte er mir, daß er eine schwere, schlaflose Nacht verlebt habe, und daß, so oft er die Angen schloß, seine Seele von unheimlichen Nachtgestalten geängstigt worden sei; obgleich, fügte er seufzend hinzn, ich gestern mein Abendgebet andächtig gehalten nnd mich dem Schutze der heil. Engel befohlen hatte. Nach einer Pause fing er an, die Stelle ans Hiob Kap. 3, 12 — 19 int hebräischen Texte herznsagen. „Das Alter — sprach er — hat doch seine eigenen Gedanken, es ist die Dämmerung vor der langen, langen Nacht, die herangezogen kommt." „Ich will euch tragen — antwortete ich — bis in's Alter, und bis ihr grau werdet. Und