Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 29 (1873)
- Issue
- 11-12 (1873)
- Date
- 1873-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2554541-2554805-2554812--06053-2562029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
162 Von meiner frühesten Kindheit an war ich ernstlich geneigt, dem Verhältniß zwischen Gott und Menschen nachzuforschen und ging dem oft in meinen Gedanken nach. Das moderne Judenthum mit seinem maschinenmäßigen Formenwesen konnte das Verlangen meiner Seele nicht befriedigen. Ich entschloß mich daher aus Rückstcht gegen meinen Vater, der unter gelehrten und orthodoxen Juden um seiner Frömmigkeit und seiner talmudischen Kenntniffe willen einen wohlgesicherten Ruf genießt, wie auch in Folge meiner Abneigung gegen alle halben Schritte, als ich nun in die Mannesjahre trat, ein streng jüdisches Leben zu führen. Aber der mechanische Gottesdienst der Synagoge, das bloße Lippenbeten unter der Mehrzahl der Gottesdienstbesucher, die nicht einmal die Sprache verstanden, welche sie als ihr Allerheiligstes gebrauchten, die geistlose Wiederholung von nichtssagenden Ceremonien und die so häufig herrschende Unordnung, ließen mich die Abwesenheit des lebendig machenden göttlichen Geistes schmerzlich empfinden; daher fühlte ich keine innere Ermuthigung, lange in meinem ernsten Entschluß zu verharren. Ich war niemals weiter gegangen, als gelegentlich meine Zweifel an der Genauigkeit der jüdischen Auslegung gewisser Bibelstellen wie 1. Mose 3, 15; 49, 10; Psalm 2; 16, 10; Jesaia 7, 4; 9, 6; 53; Jerem. 33, 5, 6 u. s. w. zu äußern. Da ich aber meine Laufbahn als eine sehr ernste und vor Gott und Menschen hohe Verantwortung mit sich bringende ansah, so beschloß ich mir ein selbstständiges Urtheil zu erwerben, alle vorgefaßten Meinungen, die auf mich reichlich von jüdischen Auslegern übergegangen waren, bei Seite zu werfen und Gottes Wort sein eigener Ausleger werden zu lassen. Ich verfolgte auch in der That meine Nachforschungen mit unermüdlichem Fleiß. Je weiter meine Forschungen gingen, desto gewisser wurde es mir, daß die jüdischen Grundsätze in ihren ersten Elementen wenig stichhaltige und mit den hohen Lehren des Alten Testaments gar nicht zu vereinen seien. Meine Unruhe stieg in demselben Maße, als sich meine Ansichten weiter entwickelten. Ich erkannte nun völlig die Unklarheit in der Religion meiner Väter und suchte nach dem verborgenen Faden ihrer Lebenskräfte. Obwohl ich oft von Jesu gehört hatte, den