Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 28 (1872)
- Issue
- 7-8 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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118 göttlich, wie es seine Apostel und dann die ganze Kirche aufgefaßt haben. Jesus wollte kein Gott sein und war kein Gottes Sohn; wenn die Apostel und Evangelisten sich eines solchen Ausdruckes bedienen, so legen sie ihm denselben in den Mund; ebenso verhält es sich mit den Wundern des N. T. Er zeigte mir dann ein N. T. in polnischer Sprache, dessen Aussehen fleißigen Gebrauch bekundete. Unser Gespräch konnte seine Zweifelsucht nicht heben. Ich mußte bei ihm zum Abendessen bleiben. Nach demselben fanden sich drei seiner College» ein, die er um meinetwillen bestellt hatte. Dieselben begrüßten mich sehr freundlich. Sie waren ernster gesinnt und kannten das Evangelium sehr gut. Der Eine unter ihnen that Aeußerungen, die mich überraschten. Ich frug ihn: „Warum lassen Sie sich denn nicht taufen?" Er antwortete: „Wozu denn? Das Christenthum ist viel zu ideal, als daß es von einer äußerlichen Ceremonie abhängen könnte." Im Verlauf des Gesprächs gestand er, daß ihm seine äußere Stellung, Familienverhältnisse nicht erlaubten, zum Christenthum öffentlich überzutreten. Zum Schluß schenkte ich den Herren zwei Jahrgänge Dibre Emeth, welche sie dankbar annahmen. Auf seine Bitte gab ich meinem alten Bekannten die eigene Adresse und die eines Breslauer Missionars. Er äußerte sich, daß ihn oft junge Leute, die eine Neigung zum Christenthum hätten, um seinen Rath frügen; diesen werde er nun die richtigen Leute, an welche sie sich wenden sollten, nennen. Im Eisenbahncoups reiste ich mit vielen beurlaubten Soldaten. Unter denselben befand sich auch ein Jude, der von seinen Käme raden besonders wegen seiner Religion auf alle Weise geschmäht wurde. Ich nahm ihn in Schutz und bat ihn sich zu mir zu setzen. Meine erste Frage an ihn war, ob er die Reise am Sabbath mit gutem Gewissen mache. Er antwortete, daß er am Sabbath nicht reisen würde, aber es sei Zessratb hamalchuth (ein königlicher Beschluß), dem man nicht widerstehen dürfe. Ich knüpfte hieran die Frage: „Warum widerstehn Sie aber Ihrem eigenen Könige Messias und halten nicht, was er von Ihnen fordert?" Nach einigem Hin und Her verstand er mich und antwortete: „Der Messias ist noch nicht gekommen." Nun entwickelte er seine Ideen vom Messias,