Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 27 (1871)
- Issue
- 7-8 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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111 vergißt einen Roman zu lesen, und vielmehr die wirkliche Geschichte des ersten Jahrhunderts Fleisch und Blut werden sieht. Das römische Jmperatorenthum, wie es leibte und lebte; die griechische Kultur; die Bilvungsmächte der Zeit; die absterbenden Volksreligionen; die suchende Religionsphilosophie; die väterliche Zucht und Sitte im Kampfe mit dem alles Höhere und Heilige vergessenden, charakterlosen Haschen nach dem Genuß des Augenblicks; und in dem Allen die neu erscheinende Geistesmacht des Christenthums, bald von der bisherigen Welt mit Verachtung oder mit blutiger Gewalt verfolgt, bald siegreich, d. h. entweder ein neues Leben erweckend oder das Alte zu seinem Gerichte führend; und endlich das Judenthum in seinem verzweifelten, trotzigen Kampfe gegen die gesammte alte Weltmacht und gegen das neue Christenthum — werden uns innrer eigentlichen Gestalt so geschichtlich treu, so anschaulich, so innerlich wahr dargestellt, daß jeder Kenner der Geschichte sagen muß, hier herrscht nicht die Tendenz auf Kosten der Wahrheit, sondern diese letztere selbst spiegelt sich in der Wirklichkeit wieder, welche die damalige Lebensthatsache ausmachte. Zwar sind dem Verfasser nicht alle Charaktere und auch nicht alle Partien des Buches gleich gelungen. Anfang und Ende stehn nicht auf der Höhe des Uebrigen. Ferner sind neben Anderen z. B. wohl der Kaiser Nero und der Grieche CineaS wahre Meisterstücke psychologischen Verständnisses und aus tiefster Kenntniß menschlichen Seelenlebens gezeichnet; der Apostel Paulus dagegen ist eine viel zu matte Erscheinung. Doch thut das dem Buche insofern keinen Abbruch, als in diesem letzteren, wie in anderen Fällen, die sogenannten Helden der Erzählung durchaus nicht in verkehrter Idealität dargestellt sind. Die Christen in „Helena" sind Menschen mit aller menschlichen Schwachheit und nicht überspannte Heroen, wie man das in viel höherem Maße von den Christen jenes anderen englischen Buches „die Kirche der Katakomben" sagen muß. Die wahre Macht des Christenthums hat ja die Neronische und Cäsaren- Zeit überhaupt deutlich genug offenbart; und es ist gut, daß keine falsche Jdealistrung jener ersten Bekenner den Eindruck hinterläßt, als ob das Christenthum selbst nun ausgestorben sei; sondern es