Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 27 (1871)
- Issue
- 5-6 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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73 sich indessen Anfangs in nicht geringer Verlegenheit, wie er es angreifen sollte, um in eine nützliche und zweckmäßige Bekanntschaft mit ihnen zu kommen, da ihm Niemand hierin einige Anleitung geben konnte. Der Heiland aber, zu dem er sich gläubig wandte, stand ihm gnädig bei und ließ ihn auch hier bald Eingang finden. Anfangs wußten die Juden, deren Gottesdienste er fast täglich besuchte, gar nicht, was sie aus ihm machen sollten. Viele bildeten sich ein, er habe die Absicht ein Jude zu werden; Andere hielten ihn für einen gelausten Juden, weil er eine so vollkommene Kenntniß ihrer Sprache, Religion und Gebräuche hatte, oder für einen Kundschafter, der gesonnen sei, wider sie zu schreiben und deswegen Alles zu erforschen suche. Einige glaubten auch, er wolle Proselyten machen und lege es darauf an, sie zur Annahme der christlichen Religion zu bewegen. Darüber kam er einmal in große Gefahr, indem ein Jude, der dies von ihm glaubte und darüber sehr aufgebracht war, ihn auf öffentlicher Straße anpackte und ihn ohne Zweifel gemißhandelt haben würde, wenn er nicht von einigen anderen Juden, die ihn kannten, aus seinen Händen befreit worden wäre. Wenn sie ihn dann selbst um die Ursache seines Aufenthaltes unter ihnen fragten, so antwortete er: Er sei ein Freund der Juden — und wolle sehn, ob er Jemand fände, der den Weg zum Leben kenne, um sich mit ihm vertraulich zu besprechen. Er hatte bald nach seiner Ankunft einen Rabbi angenommen, mit welchem er die vornehmsten ihrer dogmatischen, moralischen, polemischen, liturgischen und historischen Schriften durchlas und dadurch eine solche Kenntniß ihrer Sprache, Gesetze, Sitten, Gebräuche, ja ihrer ganzen alten und neuen Verfassung erlangte, daß ihm wenige unter den Juden selbst darin gleich kamen. Der tägliche Umgang dieses Rabbi mit Lieberkühn war nicht ganz ohne Wirkung auf sein Herz, so daß jener Mann dem Bruder einstmals frei gestand, er könne, wenn er nach der Ueberzeugung seines Herzens handeln sollte, kein Jude bleiben; allein die Anhänglichkeit an das Jüdische und die Furcht vor