Mannheim
Compact Memory

Dibre Emeth · 1871-01-01 · 1-2 (1871) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dibre Emeth
Volume
27 (1871)
Issue
1-2 (1871)
Date
1871-01-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2554541-2554789-2554791--05502-2561461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

21 füllen sich die Straßen schon mit Mensche», mit BegeisterungSlustigen, die theils zu Fuß, theils zu Wagen zum Stadtthore hinaus sich drängen. Was geht vor? Was rennt das Volk, was wälzt sich dort — so würde man fragen, wäre in dieser Gesellschaft Schiller zu citiren erlaubt. Reb Jtsche Meier zieht zu den nahenden Feiertagen nach seiner Festrestdenz, nach Gora Kalwaria. Wer sollte da nicht mitziehen? Wer sollte nicht sich beseligen lassen durch einen, und wär'S auch nur durch die Fensterluke gestohlenen Blick des Heiligen an dem Orte seiner Heiligkeit? Verlassen soll der Mann sein Weib und seine Kinder, versetzen seine silbernen Löffel und Sabbathleuchter, auch wohl des Weibes seidenes Festtagskleid, um über die heiligen Feiertage in Gora leben zu können. Die WallfahrtStagc sind Gsra'S beste Geschäftszeiten, und — die böse Welt sagt's — Reb Jtsche Meiers' Schwiegersohn liefert den einzigen im Lande patentirten koschern Ungarwein. Die Landstraßen sind dicht besetzt von Fahrzeugen aller Art, Warschau hat kaum noch die für seinen Eisenbahnverkehr nöthige Droschkenzahl zurückbehalten, die Gutsbesitzer und Landwirthe, die von oder zur Stadt wollen, müssen anhalten und Stunden lang warten, bis der tolle, will sagen begeisterte Zug vorüber ist. Welch ein Jubelgeschrei unter den festgepackten Menschen auf den Wägen, welch eine Gluth der Begeisterung bei dem 8piritu8 8uuetu8 (heiligen Geist) und der glühenden Pfeife, bei kläglich verrenkten Psalmen und melancholisch jauchzenden, weinend lachenden Melodien — welch ein Durcheinander! Das sind Orgien, die die Religion geweiht. Und daheim sitzen die verlassenen Weiber, die Frucht ihrer schweren Geschäftsarbeit ist mit ihren Männern nach Gora gewandert. In Gora aber gehtö lustig zu, die Nähe der Schechina (Gegenwart Gottes) scheint auf den Appetit und besonders auf den Durst anregend zu wirken. Wenn du aber heimkommst, heiliger Bruder, und mit dir die Noch einkehrt in dein Haus? Was schiert dich das? Dein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.