Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 10 (1854)
- Issue
- 11-12 (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 dem Grunde der Seele liegt, das Bedürfniß einer Sühne, der Schrei nach einem Versöhner! Hat der Grabrcdncr in München etwa jenes Gebet gesprochen, weil die Worte so schön klingen, weil er die Ohren der Zuhörer kitzeln wollte? O denkt nicht so unwürdig von ihm. Freilich ist es dahin gekommen, daß die hohle Phrase, daß eitle Blümelei, forcirte Begeisterung und Effekthascherei in jüdischen Predigten so oft die Zuversicht des Glaubens und die Wärme des Herzens ersetzen sollen, ja daß Viele unter Euch ihr ästhetisches Behagen an Phrasengeklingel und Phatasiespiclcn, an oberflächlichen Rührungen und feierlichen Stimmungen für wahrhafte Erbauung des religiösen Lebens halten, daß sie innerlich satt zu werden meinen, wenn sie — nicht Früchte — genießen, sondern Blumen — sehen. Aber setzet ein solches Theaterspiel nicht auf dem Münchener Fried- Hofe voraus; dazu war der Moment zu ernst; so kann Einer aus Euch seines Gottes nicht spotten, daß er ihn mit Worten anreden sollte, die nicht an seinen allgegenwärtigen Namen gerichtet, sondern nur auf die angenehme Unterhaltung der Zuhörer berechnet wären. Dagegen spricht auch die emphatische Wiederholung: „wahrhafte Sühne," und dies, daß ein, ja hoffentlich viele Zuhörer dem Gebet „aus vollem Herzen" beistimmen konnten. „Aber, fragt Ihr, einer Sühne meinen die Münchener zu bedürfen? Ist dem Ewigen gegenüber, der auf nnserGlück und Leben nicht neidisch ist, wie die heidnischen Götter, und der so gnädig ist, daß er unsre Sünden uns auch ohne Opfer vergiebt, eine Sühne nöthig? Oder ist nicht Buße, Almosen und Gebet, ist nicht ein rechtschaffener Wandel die einzig mögliche Sühne unserer Schuld? Was wollen die Münchener Brüder?" Still, still, sie haben doch Recht! Der Ernst des Lebens, der ihnen an den Gräbern der Ihrigen aufgegangen ist, hat sie tiefe Blicke in ihr Inneres thun lassen, hat sie die Heiligkeit Jehovas und die unermeßliche Entfernung ihres. Herzens von ihm erkennen lernen; sie haben durch den Blick auf Tod und Grab, auf ihre Sünde und Gottes Heiligkeit das höhere geistliche Naturgesetz zu