Dibre Emeth
- Journal
- Dibre Emeth
- Volume
- 2 (1846)
- Issue
- Heft 11 (November 1846)
- Date
- 1846-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Du hattest Recht «ein Freund, wen« Du voraussetztest, daß das Wort Gottes, das ich von Kind auf geliebt, noch eine größere Macht in meinem Herzen gehabt habe, als cs nach dem Unglauben, dem mein Verstand ergeben war, schien. Während ich unsere heilige Schrift (Tenach) nur als ein blos menschliches Buch ansah, und unfern übrigen Schriften vollends gar keine Autorität einräumte, fielen mir doch oft schöne Stellen aus unfern Gebeten und aus der Bibel ein, mit denen ich mich in der Stille beschäftigte. SOJein Herz stimmte den darin ausgesprochenen Wahrheiten bei, ich mußte ausdrücklich dabei stehen bleiben, und war nicht blos vertieft in das Nachdenken darüber, sondern wurde mir auch hinterher dessen bewußt, daß ich, trotz aller meiner Zweifel, im Verborgenen meines Znnern noch die Worte der Schrift als Aussprüche Gottes achtete. Zuweilen nahm ich das Tenach wieder hervor, um solche Worte im Zusammenhänge nachzuleseu, ja faßte selbst den Vorsatz, daMbe noch einmal ganz durchzulesen und zu prüfen; allein das Wunderbare in den Geschichten und das Dunkle in den Propheten schreckte mich allezeit ab; am meisten fesselten mich noch die Psalmen. Obgleich ich sie nur als rein menschliche Poesien betrachtete, so wurden einige mir doch so theuer, daß ich sie immer aufs neue las und auf meinen Spaziergängen aus dem Gedächtniß wiederholte. Doch daß Du mich verstehest, muß ich Dir noch weiter den Zustand meines Znnern in jener Zeit aufdecken. Zch setzte meine philosophischen Studien fleißig fort, ich las nicht nur die neuen Werke, welche erschienen, sondern suchte mich auch immer mehr mit den Werken der frühem Philosophen bekannt zu machen. Mehr ein Kind unserer Zeit, als ich in der hohen Meinung von meiner Selbstständigkeit dachte, ward ich besonders von dem zuletzt ausgetretenen Systeine, dem Hegelschen, gefesselt. Zn Hegel sah ich den größten Lehrer der Menschheit, ich suchte mich mit großer Anstrengung in seine, durch eigenthümliche Ausdrucksweise schwierigen Schriften hineinzuarbeiten und seine Grundsätze mir anzueignen. So erstieg ich nach meiner Meinung die philosophische Höhe, auf, welcher ich, wie Du aus meinem vorigen Briefe weißt, nicht allein über das unruhige Getümmel des irdi-