Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 64)
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150 erweifen. Du mubt lernen dich ganz zu überwinden, deine unedlen Gefühle ganz zurückzudämmen. So ringft du dich allmählich zu wahrer Nächftenliebe allen gegenüber (לרעך) hindurch. Hillel hatte nicht die Abficht, die Thora auf die kürzefte Formel zu bringen. Er wollte nicht den Nichtjuden das Gefetz lehren, fondern den Weg, der dorthin führt, den Weg in das religiöfe Gefühlsleben des Judentums. Durch das Tatleben wirkt es auf das Innenleben ״ זו היא כל התורה כולהDas ift die ganze Thora" der Grundgedanke des Erziehungsweges, wie fie auf das Gefühl des Menfchen Einflub nimmt. Gezeigt wird dies von Hillel an dem leicht verftändlichen Beifpiel des Gebotes אהבת דע, gültig ift es aber für die ganze Thora ״ ואיכך פירושה הואDas andere" übrige Gefetz ift die nähere Ausführung, die Verwirklichung diefes einen Grundgedankens ״im einzelnen". Diefen Weg zum gefühlsmäbigen Erfaßen der Mizwot und des Judentums muh jeder Jude gehen. Es gibt wohl ein allgemeines religiöfes Gefühl, das a priori im Menfchen fchlummeri, ״das Gefühl der fchlechthinigen Abhängigkeit von Gott".*) Aber das befondere religiöfe Gefühl für die Mizwot keimt, wächft, reift letzten Endes doch erft in ihrer Betätigung. Und niemand fteht fo hoch im Religiöfen, daß nicht fein religiöfes Gefühl fteigerungsfähig und deshalb -bedürftig wäre. Niemand aber fteht fo tief, dab die Erfüllung des göttlichen Gefetzes nicht auch auf fein Innenleben, auf fein Gefühl religiöfe Wirkung hätte (vorausgefetzt, dab er fich nicht bewubt gegen eine Beeinfluffung fträubt). So ift den Gott Fernen und den Gott Nahen, wenn fie eine Mizwa erfüllen, dies gemeinfam, dab fie durch diefe religiöfe Tat *) Siehe Jeschurun XII S. 165; 166. Wohl gibt es viele Menschen, die scheinen kein religiöses Gefühl zu haben. Ein Beweis, daß es niemals vorbanden war, ist aber dadurch nicht erbracht. In einem Leben, das sich fern von dem Religiösen vollzog, wurden die religiösen Regungen nicht nur nicht gefördert, sondern unterdrückt, zum Schweigen gebracht, verschüttet und verbaut. Dadurch wird auch die Rückkehr jener Menschen so sehr erschwert; denn es gilt zunächst die Assoziationen, die der Mensch in seinem ganzen Sein (Wollen, Fühlen und Denken) mit dem A religiösen, das in seinerWirkung fast gleichbedeutend ist mit dem Anti religiösen, geschlossen hat, zu lösen, um dann die neuen Assoziationen — mit dem Religiösen — zu knüpfen. Und die Lösung von Assoziationen bedarf der selben stark und anhaltend wirkender Kräfte wie jene waren, die sie schlossen.