Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 26)
- Belongs to
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156 werdet euch fo alt, fo fterbensalt fühlen, vom Staub und Spinneweb der Vergangenheit fo reftlos überzogen, dab ihr nur von eurer Abkehr von der alten jüdifchen Tradition das Gefchenk einer zweiten Jugend euch verfprechen werdet. An die Stelle der Schlichtheit und Wahrhaftigkeit der Heiligen Schrift wird das dunkle Taften jungjüdifcher Dichter treten, die euch von den fogenannten Harren Denkmälern der gefchichtlichen Tradition zu den blühenden Gärten eines jungen Volkes führen wollen. An die Stelle des Hebräifchen wird das Neuhebräifche treten — die uralte Sprache unteres Volkes, man wird Ge mit dem Glanze einer neuen Schönheit überziehen wollen. Ift aber diefe fogenannte Renaiffance des Judentums, diefe fogenannte Wiedergeburt des jüdifchen Volkes, diefe fogenannte Auferftehung des heiligen Landes nicht in Wirklichkeit ein künftliches Wiederjungwerdenwollen eines alten Volkes, das feine erfte Jugend unwiederbringlich verlor und nun mit EnthuGasmus, mit Energie, mit Sehnfucht und Opfermut von den fchöpferifchen Kräften einer zweiten Jugend träumt? Auch die Freie Vereinigung will und erftrebt eine Renaiffance des Judentums, eine Wiedergeburt des jüdifchen Volkes, eine Auferftehung des heiligen Landes. Aber Ge will beim Hinausblick in die Zukunft den Zufammenhang mit der Vergangenheit nicht verlieren, denn Ge weib, dab durch die Preisgabe diefer Vergangenheit kein individuelles und kein nationales Glück für Israel erzwungen werden kann. Glück läbt Geh überhaupt nicht erzwingen. Glücklich ift nur der Geduldige. Leben heibt: warten können, warten auf das Wunderbare. Das Wunderbare nicht mit Gewalt herbeizwingen wollen, fondern warten, bis feine Stunde kommt, nicht mit Hab und Neid auf das gefehäftliche Gedeihen des Konkurrenten hinfchauen, nicht fein Unglück wollen und erftreben, fondern warten, bis die Stunde des eigenen Glückes fchlägt; nicht waghalGg und phantaftifch gefehäftliche Luftfchlöffer bauen, nicht אץ להעשיר fein, nicht gewaltfam den Reichtum erjagen wollen, fondern warten, bis für die geduldig ausgeftreute Saat die Stunde ihrer Reife kommt; nicht voreilig fchon in jungen Jahren mit den Allüren eines Lebemannes den fogenannten Vergnügungen nachgehen und dabei fchon frühzeitig Körper und Seele vergiften, noch bevor Ge zu richtigem Leben erwacht Gnd, fondern warten, warten, geduldig warten, bis die Stunde der Reife und Erfüllung kommt: das heibt leben, heibt glücklich leben — leben auf einer Höhe, die kein Kriegsheld und kein Stadteroberer je errichtet. Denn טוב ארך אפים מגבור ומשל ברוחו מלכד עיר (משלי ט״ז)