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Nahalat tsevi · 1936-01-01 · Heft 4-6 (Januar 1936) · p. Seite 129

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
VI (5696) 1935/36
Issue
Heft 4-6 (Januar 1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 129 (sequence 19)
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129 L Das jüdifche Volk lebt in der Gefchichte als עם קשה עורף, als das Volk des ,harten Nackens״ fort. (שמו־ר מ״ב) אתה סבור שהוא לגנאי ואיננו אלא לשבח — או יהודי או עלוב. Du könnteft meinen, diefer harte Nacken fei ein Fehler, nein, er ift Israels Ruhm. Man ift entweder Jude, oder man ift es nicht. Nicht umfonft hat Achijah Hafchiloni Israel mit einem Schilfrohr verglichen; das Rohr fteht im Waffer, fein Stumpf verjüngt fich, es hat viele Wurzeln, und wenn alle Stürme der Welt gegen es anbraufen, können fie es nicht von der Stelle bringen; das befcheidene Schilfrohr ift charaktervoller und darum mächtiger als die ftolze Zeder, die dem Angriff des Südfturms erliegt. Was uns fehlt, das find jüdifche Charaktere, die den Stürmen der Zeit mit der ganzen Unbrechbarkeit und Unverrückbarkeit ihrer jüdifchen Überzeugung und ihres jüdifchen Bewufetfeins zu begegnen wiffen. Unfere Gegenwart gleicht jenem graufigen Ort, den der grobe italienifche Dichter Dante in feinem Inferno fchildert: Ringsum ift die fternenlofe Luft von Klagen, Seufzen und Stöhnen erfüllt. Wer aber find, die da klagen, feufzen und ftöhnen? Das find die Charakterlofen, die keine wegweifenden Sterne über fich leuchten fehen, die ohne fefte Grundfätze und Überzeugungen durch das Leben vegetieren, die keinen Halt haben und keine Hemmung kennen, die in ihrer Sternenlofigkeit jeder Mode, jeder Laune, jedem Schlagwort, jeder Stimmung, jeder Verfuchung zum Opfer fallen. Ift denn der Schrei nach dem ״ftarken Mann״, der gar fo oft im politifchen Leben ertönt, etwas anderes als die Sehnfucht nach einem feften, unverrückbaren Ideal, das ftark genug ift, um aus haltlos Schwankenden Charaktere zu formen, die dem verwirrenden Drude der Au&enwelt wieder fo etwas wie eine Innerlichkeit entgegenzufetzen vermögen? Wir mühten uns felbft betrügen, wenn wir behaupten wollten, da& wir jene vertiefte Innerlichkeit, nach der fich die Umwelt lehnt, bereits glücklich befä&en. Nein, auch wir Juden find fternenlos geworden. Auch wir find die Opfer jener fogenannten Zivilifation geworden, die es in einer geradezu raffinierten Weife verlieht, die materielle Seite der menfchlichen Natur auf Koften ihrer geiftigen und feelifchen Seite zu bedienen. Auch uns hat das Fieber der irdifchen Bedürfniffe gepackt. Auch für uns fteht das Greifbare und Mefebare höher im Rang als die feelifchen und religiöfen Mächte der Welt. Auch uns fehlt es an fittlichen

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