Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Belongs to
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Zur Lage. Von Dr. Isaac Breuer. I. Die Nürnberger Gesetze haben die Emanzipation der deutschen Juden rückgängig gemacht. Die Emanzipation war von Anfang an ein staatsrechtlicher Begriff. Sie erstrebte vor allem die politische Gleichstellung der Juden. Die Hoffnung bestand, daß der politischen Gleichstellung die gesellschaftliche folgen werde. Nunmehr ist die politische völlig aufgebobeu. Die Rückwirkung auf die gesellschaftliche ist unausbleiblich. Dagegen ist die wirtschaftliche Situation noch nicht restlos geklärt. Der Teil der deutschen Juden, der sein Dasein auf die Hoffnung gegründet hatte, es lasse sich die Problematik des Galuth im Galuth selber lösen, ist aufs schwerste getroffen. Er muß durchaus umlernen. Er muß gewissermaßen nochmals von vorn beginnen. Oder er muß seine Hoffnung in andere Länder tragen, wenn er der deutschen Erfahrung eine typische Bedeutung nicht zuerkennt. Die Orthodoxie hat seit mehr als einem Jahrhundert gewarnt. Ihr Führer, Rabbiner S. R. Hirsch s. A., kannte die im Wesen der Thorah selber liegende Grenze jeder Emanzipation. Er war sich bewußt, daß die Emanzipation keine Lösung der Problematik des Galuth, sondern ganz im Gegenteil eine unsägliche Steigerung dieser Problematik, eine unerhört schwere und neue Aufgabe für die deutschen Juden bedeutete. Seine Stimme drang über den Kreis der mehr und mehr zur Minorität werdenden Orthodoxie nicht hinaus, und auch innerhalb der Orthodoxie ist seine Stimme nicht immer richtig verstanden worden. Anders stünde heute das deutsche Judentum da, wäre es in die Emanzipation auf den Wegen eingetreten, die ihm Rabbiner Hirsch gewiesen hatte. Wer das Schrifttum Rabbiner Hirschs und seine praktische Lebensleistung kennt, wer etwa in sein großes Werk des Psalmenkommentars sich vertieft oder die geistigen Grundlagen der von ihm geschaffenen Gemeinde prüft, gelangt zu dem Ergebnis, daß die Erfahrung der Gegenwart von ihm in einer auf dem Inbegriff der Thorah beruhenden Vorausschau von vornherein als die eine von zwei Möglichkeiten ins Auge gefaßt worden ist und daß er daher gerade den deutschen Juden der Gegenwart ein Führer ohnegleichen sein könnte. Eine