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Nahalat tsevi · 1932-01-01 · Heft 3 (Januar 1932) · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
II (5692) 1931/32
Issue
Heft 3 (Januar 1932)
Date
1932-01-01
Page
Seite 86 (sequence 24)
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66 Dieser mit solchen Hilfen erreichten Behaglichkeit neuzeitlicher Lebenshaltung steht aber gegenüber ein sichtlicher Tiefstand der Kultur. Es ist, als ob wir mit dem stürmischen Vordrängen zu den Gaben einer üppigen Zivilisation vergessen hätten, diese äußeren Werte in unserem Innern zu verarbeiten und die inneren Lebensnotwendigkeiten entsprechend zu fördem. Wir sind seelisch vielfach verarmt. Was mußten wir in den letzten Jahren erleben! In Spanien haben erregte Haufen Kirchen und Klöster samt kostbaren Kunstschätzen und Büchern ausgebrannt. Auf jüdischen Friedhöfen zertrümmerten verhetzte Jugendliche die schlichten Denkmäler, welche liebendes Gedenken Entschlafenen gesetzt ln Synagogen wurden Fenster eingeworfen, kultische Geräte zerschlagen, Thorarollen vernichtet. In Wilna zerstörten Pogromleute straßenweise die Glasscheiben jüdischer Geschäfte, durcnwühlten die Ladenräume, mißhandelten die Inhaber. In Bilbao wurden zwei Priester auf offener Straße niedergeschossen. In Kärnten rief ein Mann den Ortspfarrer angeblich zu einem Sterbenden und schlug dann auf dem einsamen Wege den seeleneifrigen Priester halbtot. In Berlin auf dem Kurfürstendamm haben am jüdischen Neujahrsfest junge Leute gegen die vom Gottesdienst heimkehrenden Juden losgehauen, sinnlos, wahllos; die Ueberfallenen hatten in keiner Weise zu den Angriffen herausgefordert; wilder Judenhaß war die Triebfeder. Die Tierliebe mancher Personen wurde von Judenfeinden seit Jahren bis ins Sentimentale hochgezüchtet, damit danach in Versammlungen mit Protesten, die hierbei stets flammende sein müssen, der Vorstoß gegen das Schächten erfolgen konnte, durch den unsere jüdischen Mitbürger an einer empfindlichen Stelle, nämlich an der religionsgesetz liehen Fleischversorgung, getroffen werden sollten; Tierschutz war die Maske, hinter welcher der Judenhaß sein wahres Gesicht barg. Alle diese Vorgänge beleuchten grell die Menschen von heute in Wahn und Irren. An die Stelle der Synthese des Individuums, die beglückend zu den Höhen des Menschseins führt, trat für sehr viele die Dissoziation; sie wirkt sich aus in Zerrissenheit der Persönlichkeit mit folgemäßiger Unruhe und weiterhin einer steten Bereitschaft zu explosiven Handlungen. Da genügt ein agitatorisches Wort, eine demagogische Geste, um Angriffe

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